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Im Lesegarten mit Senol Keser

Dinslaken : Ein Appell zum Innehalten

Dinslaken hat einen idyllischen Lesegarten an der Stadtinformation. Die Rheinische Post spricht dort mit Menschen über das, was sie gerade lesen: diesmal mit dem Integrationsbeauftragten Senol Keser.

Herr Keser, welche Lektüre haben Sie uns mitgebracht?

Senol Keser Ich habe ein Geschenk mitgebracht, das ich von einem guten Freund bekommen habe. Das ist Jiddu Krishnamurti „Tausend Jahre an einem Tag - Briefe an einen Freund“ aus dem H.J. Maurer Verlag. Krishnamurti ist ein indischer Philosoph, der von 1895 bis 1986 gelebt hat. Das Buch fasst Briefe zusammen, die er zwischen 1948 und 1960 immer mal wieder an einen guten Freund geschrieben hat. Auf den Autor bin ich aufmerksam geworden durch ein Interview mit Bruce Lee, das ich aus Interesse am Karatesport, den ich ausübe, einmal gehört habe. Darin hat Bruce Lee Jiddu Krishnamurti zitiert. Das war mein erster Berührungspunkt. Davon habe ich meinem Freund erzählt, und dann hat er mir dieses Buch vor einiger Zeit geschenkt.

Worum geht’s in dem Buch?

Keser Das ist das Buch eines Philosophen, aber eben eines indischen Philosophen, die ja eine andere philosophische Haltung zur Welt haben als wir Europäer. Und das Spannende ist, dass die Themen, die er behandelt, aus meiner Sicht immer noch aktuell sind. Ich finde es schon sehr bewundernswert, wenn Autoren Bücher schreiben, die jahrzehntelang aktuell bleiben. Die interessante Frage ist dann die: Sind die Bücher aktuell, weil sich die Gesellschaft nicht geändert hat? Oder weil die Autoren beim Schreiben eine Vision hatten und damit schon viel in die Zukunft weisendes erahnt haben.

Oder, ob sie ganz allgemein menschliche Dinge ansprechen, die jenseits der Zeit aktuell sind.

Keser Genau. Und daran anknüpfend die Frage, wenn das alles immer noch aktuell ist, warum haben die Menschen daraus nicht gelernt und etwas verändert? Krishnamurti schreibt über einige Herausforderungen im Leben, da geht es insbesondere um Bewusstsein und Achtsamkeit innerhalb einer Gesellschaft. Im Vordergrund des Buches steht immer der Mensch an sich, also das Ich und seine Haltung. Und das dann verknüpft mit allerlei Themen wie zum Beispiel Umwelt, Natur, Gesellschaft, Leidenschaft usw. Es geht also um die Möglichkeit und das Ziel eines bewussten Lebens, um viele Themen, die heutzutage wichtiger sind denn je, aber dennoch zu wenig beachtet werden. Trotz der nicht einfachen Themen liest sich das Buch sehr leicht.

Und es ist, wie ich sehe, sehr dünn.

Keser Ja, es ist sehr dünn, und man muss es auch nicht in einem durch von vorne bis nach hinten lesen. Man kann es auch einfach irgendwo in der Mitte aufschlagen und anfangen zu lesen. Jede Stelle hilft, Bewusstsein und Achtsamkeit zu schärfen und einen Blick um einen herum zu bekommen. Wir leben in einer extrem schnelllebigen Zeit. Da finde ich es wichtig, dass der Blick dafür geschärft wird, das Wesentliche zu erkennen und zu sehen, was passiert um mich herum in der Gesellschaft, in der ich lebe, welche Herausforderungen gibt es in meinem Umfeld. Ich glaube, dass durch die Schnelllebigkeit die Fähigkeit immer mehr verloren geht, diese Fragen zu reflektieren. Krishnamurti regt zum Nachdenken an, wie der Mensch es schafft, diese Fähigkeit wieder zu erwerben, sensibel für die Herausforderungen zu werden. Ich habe ein Zitat herausgesucht, das, wie ich finde, das sehr schön deutlich macht. „Sehen ist Achtsamkeit, und es ist nur die Unachtsamkeit, die ein Problem aufsteigen lässt.“

Können sie erläutern, was er damit meint?

Keser Das kann ich an etwas vermeintlich Einfachem und Alltäglichem wie dem Essen klar machen. Wenn man sich etwa abends fragt, was hast Du eigentlich heute so gegessen, dann kriegt man die Antwort vielleicht so gerade noch hin. Aber was, wenn man sich fragt, wie hat das Essen eigentlich geschmeckt. Dann merkt man schnell, wie wenig achtsam man beim Essen ist, und ich glaube, dass, wie es Krishnamurti auch schreibt, erst durch Achtsamkeit eine gewisse Lebensqualität entsteht. Das ist nicht nur beim Essen so, sondern bei ganz vielen Dingen und in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen. Achtsamkeit lässt sich trainieren. Man kann zum Beispiel  beim Essen einfach mal versuchen, ganz bewusst zu beschreiben, was man isst. Ich bin mir sicher, dass ganz viele Menschen damit zunächst ein Problem haben, weil sie das zum einen noch nie gemacht haben und zum anderen einfach Probleme haben, den Geschmack der Gewürze in diesem Essen, seine Konsistenz usw. zu beschreiben. Da mangelt es schon an den dafür notwendigen Begriffen. Es zählt zur Achtsamkeit und es schult diese auch, sich solche Begriffe anzueignen. Letztlich führt die Lektüre Krishnamurtis immer auf das eigene Ich zurück und die Fähigkeit, sich selbst und sein Handeln schulen und reflektieren zu können.

Welche Auswirkungen hat das auf die Art und Weise, wie ich mit anderen kommuniziere?

Keser Da gebe ich Ihnen ein schönes Beispiel – ich weiß leider nicht mehr aus welchem Buch – wie sich mit Kommunikation Achtsamkeit fördern lässt und was das bewirkt. Da ist ein Vater mit seinem Sohn an einem Zaun. Dieser Sohn neigt dazu, zu fluchen und andere Menschen zu verletzen. Der Vater macht mit seinem Sohn aus, dass dieser jedes Mal, wenn er geflucht oder einen anderen Menschen verletzt hat, einen Nagel in den Zaun schlagen soll. Der Sohn tut das. Mit der Zeit werden die Nägel, die er in den Zaun schlägt weniger, weil er einfach mehr darauf achtet, nicht zu fluchen oder andere Menschen zu verletzen. Schließlich sagt der Vater dann zum Sohn, dass er die Nägel herausziehen soll und fragt ihn, was er sieht. Der Sohn sieht die Löcher, dort, wo die Nägel waren, also die bleibenden Verletzungen, die sein Handeln hinterlassen hat. Das ganze Buch Krishnamurtis ist ein Appel innezuhalten, vor dem Handeln zu überlegen was man tut und das eigene Ich zu reflektieren. Das ist einer der Gründe, warum ich dieses Buch immer mal wieder hervorhole und reingucke.