Hünxe/Voerde: Getrübte Sicht

Hünxe/Voerde : Getrübte Sicht

Seit Wochen sind große Teile des Tenderingssees getrübt. Taucher, Surfer und Angler verlangen Aufklärung. Die Kieswerke Niederrhein GmbH will etwas unternehmen.

Seit zwei Jahren erhält er die Bezeichnung "Beliebtester See in NRW". Doch Mitglieder des TV Bruckhausen als Betreiber, Taucher, Surfer, Angler und Badegäste sind jetzt verunsichert. "Was ist los mit unserem Tenderingssee?", fragen sich derzeit viele Menschen, die das Kleinod für ihre Sport- und Freizeitaktivitäten nutzen. Seit etwa vier Wochen verdirbt eine seltsame Trübung großer Teile des Sees, ausgehend vom Hünxer Kieswerk, ihnen die Freude.

Theo Borgmann, freiberuflicher Tauchlehrer beim Tauchsportzentrum Niederrhein in Voerde, hat in rund 30 Jahren mehr als 1000 Tauchgänge im Tenderingssee gemacht. Nach einem ausgedehnten Tauchgang in der Nähe des Kieswerks kommt er aus dem Wasser: "In bestimmten Bereichen kann man die Hand vor Augen nicht mehr sehen", ärgert sich der 59-Jährige. "In den letzten Monaten war die Sicht noch gut, bis zu zehn Meter. Wir müssen dem kalten See Zeit geben, dass er aus dem Winterschlaf kommt und die Algenblüte einsetzt. Die jetzige Einsedimentierung ist ein unnatürlicher Vorgang." Laut Borgmann sei der Vorgang mit Bildern dokumentiert, RVR als Eigentümer des Sees, Untere Wasserbehörde beim Kreis Wesel und die HeidelbergerCement AG seien informiert worden.

Und Theo Borgmann ergänzt: "Hier wird von Menschenhand ein funktionierendes ökologisches System kaputt gemacht. Wenn das so weiter geht, ist der See bald tot. 500 Taucher beim TVB verlieren dann ihren Sportplatz." Die Tauchausbildung ruhe derzeit. Vom Verursacher erwartet der Tauchlehrer "eine angemessene Reaktion".

In 2015 habe das Tauchsportzentrum Biologen beauftragt, eine Bestandsaufnahme des Sees zu machen. "Sie haben schützenswerte Pflanzen benannt, so die Armleuchteralge", weiß Borgmann. Diese komme in einer Tiefe von bis zu zwölf Metern vor, sei von nährstoffarmen Bedingungen im Wasser und Sediment abhängig. "Optimal sind Sand- und Kiesböden, wie sie im Taucherbereich des Tenderingssees vorhanden sind, heißt es im Gutachten. Und: "Spülwasser aus Abgrabungstätigkeiten weist oft einen hohen nährstoffreichen Lehmanteil auf." Durch die Einleitung bestehe grundsätzlich die Gefahr einer Überlagerung und Armleuchteralgen würden beeinträchtigt. Das gelte auch für die Lebensbedingnungen des Steinbeißers, der im Tenderingssee vorkommt. Deshalb ist auch der Rheinische Fischereiverband "mit im Boot".

Beim TV Bruckhausen ist man verärgert. "Die Verunreinigung verteilt sich durch Wind und Strömung im ganzen See und muss endlich aufhören", sagt Jürgen Kosch vom Vorstand, spricht sogar von einem "Störfall". Einleitungen könnten in 25 Jahren Auskiesungszeit vorkommen, man habe auch "ein gutes Verhältnis" zur Heidelberg Cement AG aufgebaut, "aber wir können es uns nicht leisten, dass uns die Nutzer verloren gehen", spricht Kosch von einem "wirtschaftlichen Schaden" und denkt nicht nur an die rund 500 Taucher beim TVB. "Auch die Angler, Surfer und Leute vom Strandbad sind unzufrieden. Wir respektieren die wirtschaftlichen Interessen des Auskiesers, aber der muss bitte auch unsere respektieren. Wir müssen diese Beeinträchtigung nicht hinnehmen."

"Uns ist der Vorfall sehr unangenehm", erklärt Martin Wollschläger, Geschäftsleitung Kieswerke Niederrhein GmbH. "Die Trübung des Wassers ist nach jetziger Kenntnis auf einen hohen Anteil sogenannter abschlämmbarer Bestandteile des Rohmaterials zurückzuführen. Diese sind für den Niederrhein untypisch und waren für uns leider auch nicht bei der vorausgegangenen detaillierten geologischen Erkundung erkennbar. Das Auftreten der Trübung des Wassers hat uns selbst überrascht, wir haben aber umgehend Maßnahmen ergriffen, um das Problem zu lösen." Um Trübungen künftig zu vermeiden, werde man in Abstimmung mit der Genehmigungsbehörde einen ,Schluffvorhang' im Tenderingssee installieren" Bis zur Lieferung und Montage dieses Vorhangs in dieser Woche habe man "einen eingeschränkten Betrieb der Aufbereitung". Dann, so Wollschläger, sollte das Problem "dauerhaft gelöst sein".

(P.N.)
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