Dinslaken: Geschichten aus dem Tirolerhut

Dinslaken: Geschichten aus dem Tirolerhut

Den Kaiser möchte er mal geben, und das in einer richtig schönen Operettenaufführung. Und den Dorfrichter Adam. Erwin Kleinwechter hat noch Träume. In einer Talkshow im Tenterhof verriet der Schauspieler sie dem Publikum.

Zu einem waschechten Bayern gehört zünftige Musik. Erwin Kleinwechter marschiert zum bayerischen Defiliermarsch auf die Studiobühne im Tenterhof. Intendant Thorsten Weckherlin marschiert mit. Fröhlich schwenkt er ein weiß-blaues Fähnchen. Kleinwechter trägt einen dunklen Anzug, Weste, Krawatte und blitzblanke Schuhe. Glatt rasiert ist er und 15 Kilogramm schlanker. Eine seriöse Erscheinung von Kopf bis Fuß. Hier kommt der Disponent des Landestheaters Burghofbühne aus Dinslaken, ein stattlicher Mann, der Kultur verkauft, ein Handlungsreisender in Sachen Unterhaltung. Leichte Kost hat er dabei, wenn er über Land zieht und an die Türen der Kulturdezernenten klopft, aber auch Anspruchsvolles für Herz und Hirn – Shakespeare, Schiller, Brecht, Ionesco sogar: Oder darf's ein Kroetz sein?

Heidi Kabel ist spitze

Kleinwechter macht es sich in der rechten Ecke des weißen Ledersofas bequem. Thorsten Weckherlin sitzt links. Der Intendant versucht Ordnung in die Zettel zu bringen, auf denen er all die Fragen notiert hat, die er seinem Talkgast stellen will. Zwei Stunden später wird Kleinwechter mit einem viel zu kleinen Tirolerhut auf dem Kopf von Heidi Kabel und dem Ohnsorgtheater schwärmen, seiner Steuererklärung, vom Dorfrichter Adam im "zerbrochenen Krug", von Niederrhrein-Krimis und seinem Gefährten, dem dicken Hund Gizmo, der es sehr gut bei ihm hat.

Doch zunächst einmal gibt es auf der abgedunkelten Studiobühne einen kräftigen Begrüßungsapplaus. Er gilt nicht dem Verkäufer von Stücken, sondern dem Künstler Erwin Kleinwechter, der als "Totmacher" brillierte und als Kaiser Franz Josef das Weiße Rössl adelte, der in der "Dreigroschenoper" die rundliche Hure gab und den Clown im Zirkus Knie, der heute eine Nonne mimt, morgen den Brauereibesitzer und übermorgen einen Kindermörder. Der 54-Jährige Bayer ist ein Vollblutschauspieler – in kleinen Rollen groß, in großen oftmals unschlagbar. Seit 30 Jahren steht er auf der Theaterbühne, seit neun Jahren spielt er in Dinslaken.

Eine Talkshow muss spannend sein, unterhaltsam, sie muss überraschen. Erwin Kleinwechter weiß das. Er enttäuscht sein Publikum nicht. Seit seinem sechsten Lebensjahr ist ihm klar: "Ich muss zum Theater." Die Eltern sind dagegen. Dass er als frisch gebackener Verwaltungsangestellter die Brocken hinschmeißt und sich für vier Jahre beim Bund verpflichtet – Gebirgsnachschubkompanie Bad Reichenhall –, um sich die Theaterausbildung zu finanzieren, verzeiht ihm die Mutter erst am Totenbett.

Als er ihr den Entschluss ausgerechnet beim Tapezieren mitteilt, bricht für die alte Dame eine Welt zusammen. "Da tropften Tränen in den Kleister", erzählt Kleinwechter und grinst sich eins. "Ich war eine Hausgeburt. Die Hebamme kam mit der Isetta", sagt er, während hinter ihm auf der Leinwand Fotos aus dem weiß-blauen Familienalbum auftauchen: Kleinwechter als Ministrant, als i-Dötzchen, als Rekrut und schließlich als Schauspieler. Immer wieder als Schauspieler. Ein ängstlicher Bub sei er gewesen, verrät der Mann, der als Techniker, Tontechniker und Requisiteur beim Theater anfängt und später "jede Kurmuschel" bespielt.

Tourneetheater, Bauerntheater – die "Schmiere" gehört für ihn dazu. Das Improvisieren macht Spaß. Mittags plakatieren und abends vor vollem Haus spielen. Toll ist das. Zweimal 500 Watt reichen vollkommen aus, um es auf der Bühne hell zu haben. Und wenn ein Stück trotz schönster Pappkulisse nicht läuft, dann wird es umbenannt. Wer will schon "Wenn der Toni mit der Vroni" sehen? "Wir machten daraus ,Liebe, Suff und Spitzenwäsche'", erzählt Kleinwechter. "Da war's plötzlich voll."

Noch zehn Jahre

Erwin Kleinwechter kommt am 1. Mai 2001 nach Dinslaken. Intendant Alexander Schnell bringt ihn mit. Schnell ist schnell wieder weg. Kleinwechter bleibt. Bei Schnittchen und Bier verrät er dem Publikum im Tenterhof, dass er eine schicke Seniorenwohnung in Dinkelsbühl besitze, Dinslaken aber sehr mag. "Ich habe vor, noch zehn Jahre hier Theater zu machen", sagt er. Und alles klatscht.

(RP)