Dinslaken: Flic Flac: Zirkusmaschine der Endzeit

Dinslaken: Flic Flac: Zirkusmaschine der Endzeit

In dem gelb-schwarzen Zelt in Wesel jagt eine atmenberaubende Nummer die nächste. Die Show ist noch bis zum 8. April zu sehen.

Von 0 auf 100 in drei Sekunden: Das Licht in der kreisrunden Manege geht unvermittelt aus. Es ist stockfinster, bis plötzlich sechs meterhohe Feuersäulen aus dem Boden schießen. Flic Flac braucht kein Aufwärmeprogramm. Vor allem den Besuchern in der ersten Reihe steht nach dem heißen Auftakt bereits der Schweiß auf der Stirn, bevor das Programm überhaupt begonnen hat. Die Besucher sind von Anfang an mitten im Geschehen, der Zirkus wird hier nicht beobachtet, sondern mit allen Sinnen erlebt. Auf den Rängen hat man immer wieder den Eindruck, mitten im Geschehen zu sein, etwa als wenig später quasi mitten aus dem Zuschauerraum Motorräder von einer Rampe in den Raum springen. Kaum einer, der da nicht spontan zusammenzuckt. Wo es in anderen Manegen nach Pferdedung riecht, atmen die Zuschauer hier frischen Benzingeruch ein. Ein Bild, das passt. Denn Flic Flac ist wie eine stampfende, fauchende Zirkusmaschine - kaum zu stoppen, wenn sie erst einmal richtig in Fahrt gekommen ist.

Das Setting ist den Fans seit vielen Jahren bekannt. Flic-Flac-Kopf Benno Kastein hat auch diesmal die Arena in ein endzeitliches Szenario verfrachtet. In eine Ära, die seit den Mad-Max-Filmen legendär ist. Die Donnerkuppel wird zur Zirkuskuppel. Ein treibender Rockrhythmus treibt Publikum und Artisten durch die zweistündige Show, die kaum Zeit zum Luftholen lässt, obwohl Flic Flac diesmal auch zeitweise das Tempo drosselt. Statt harten Heavygitarren darf es dann auch mal kurz "Another Love" von Tom Odell sein, wenn das Duo Turkeev eine "Liebesgeschichte unter der Circuskuppel" in Szene setzt. Nicht nur bei dieser Nummer vergisst mancher unwillkürlich das Klatschen, weil er mitfiebert, wenn die Artistin am überdimensionalen Gummiband meterhoch in die Höhe gezogen wird, um dann wie ein Kreisel zu Boden zu stürzen als das Band sich ausdehnt. Risiko gehört dazu, betont Benno Kastein immer wieder. Aber das Risiko sei kalkulierbar, jeder Artist wisse genau, was er zu tun habe.

Halteseile gibt es nicht, auch das Netz, das bei vergangenen Shows zur Absicherung der Artisten manchmal gespannt wurde, ist verschwunden. Nummern wie der Hochseilakt der Adrenalin-Truppe sorgen da für besonderen Nervenkitzel. Wenn die Artisten hoch oben auf einem dünnen Seil eine Menschenpyramide bauen. Und wenn Alain Alegria sich auf dem Hochtrapez auch noch einen Stuhl nimmt, um damit scheinbar seelenruhig auf wenigen Zentimetern zu balancieren, will mancher am liebsten gar nicht hinsehen. Derweil beruhigt der Mann an der Technik: "Alles kein Problem, der kann das."

  • Wesel : Flic Flac: Zirkusmaschine der Endzeit

Bei solchen Nummern ist es dann fast eine Warnung, wenn im Hintergrund gesungen wird: "Wenn ich hinuntersehe, weiß ich, wie schnell das hier vorbeisein kann."

Aber Flic Flac lebt nicht nur vom Extrem, sondern auch vom ganz besonderen Humor, der wie bei Patrick Lemoine auch mal schön schräg sein darf und den Fans Zeit zum Luftholen gibt. Und wer später sein Kind vermisst haben sollte, hat vielleicht den scherzhaften Hinweis am Eingang übersehen: "Unbeaufsichtigte Kinder werden an den Zirkus verkauft."

Flic Flac gastiert noch bis zum 8. April in Wesel an der Rheinpromenade.

(zel)