Dinslaken: Faszinierendes Klangexperiment

Dinslaken : Faszinierendes Klangexperiment

Echo-Jazz-Preisträger Sebastian Studnitzky und seine Band begeisterten am Samstag das Publikum im Ledigenheim. Die Zuhörer tobten, ließen die Berliner nicht ohne eine zweite Zugabe gehen.

Der Bass wummert, die Beats pochen und zischen, die Akkorde sind auf kurze Akzente reduziert. Musik wie aus dem Baukasten, in sich wiederholenden Mustern aus kleinen, in Form und Farbe klar von einander zu unterscheidenden Steinchen zusammengesetzt, akustisches Lego sozusagen.

Diese Kompositionstechnik ist typisch für die elektronische Musik seit den 1970er Jahren und mit der ständigen digitalen Entwicklung ging man dazu über, die Motive und Themen zu programmieren, die Bausteinchen in Endlosschleifen sich selbst duplizieren zu lassen. Jedoch, die Musiker, die das Jazz-Publikum am Samstag im Ledigenheim in Begeisterung versetzten, waren keine DJs, sondern Vertreter der handgemachten Musik: Echo-Jazz-Preisträger Sebastian Studnitzky (sanft dahin gehauchte Trompete und präzise gespieltes Klavier im fliegenden Wechsel), Laurenz Karsten (mit dem Plektrum gezupfte Konzertgitarre), Paul Kleber (Bass), Tim Sarhan (Schlagzeug).

Ihre Generation sei von elektronischer Musik und Techno geprägt, die Kompositionstechnik der meist computergemachten Musik auf eine organische Band zu übertragen. Aber in "KY organic" - so auch der Titel des gleichnamigen auf CD und Vinyl erschienenen Albums, werden nicht einfach nur Grooves und Sounds imitiert, erklärt Studnitzky das Experiment.

Studnitzky kombiniert das zeitgenössische Baukasten-Prinzip mit dem barocken linearen Denken von Kontrapunkt und Polyphonie sowie der jazz-typischen Lust am Improvisieren. Und so präsentiert die Band Domenico Scarlatti (1685-1757) im "Remix", fühlt sich Studnitzky gar in die Harmonien und melodischen Wendungen einer nordisch-romantischen Klaviermusik vom Schlage Edvart Griegs ein.

Bestechend sind die Präzision und die klangliche Transparenz, faszinierend ist es, wenn die Musiker ihre "Tracks" wie vom Mischpult aus dynamisch ein- und ausblenden. Höhepunkt des Abends im Ledigenheim ist das Finale, in dem ein Jazz-Balladenthema in Prog-Rock-Dimensionen aufgebaut wird, in 1990er-Jahre-Trance übergeht und schließlich, wie zu Zeiten der deutschen Pioniere der elektronischen Musik, psychedelisch gesteigert wird.

Das Publikum tobt, lässt die Berliner, die den Tag im Stau auf der Autobahn verbrachten und sich erst während des Einlasses zum Soundcheck einfanden, nicht ohne eine zweite Zugabe gehen.

"Danke für eure Offenheit, es ist ja doch kein Mainstream-Jazz", erwiderte Sebastian Studnitzky. Nein, das war es nicht. Aber in der einzig relevanten Kategorisierung zwischen guter und schlechter Musik spielten Studnitzky und Co in der ersten Kategorie ganz weit oben.

(bes)
Mehr von RP ONLINE