Fachtagung Kinderarmut in Voerde

Von der Theorie in die Praxis : Voerde will Kinderarmut bekämpfen

Die Stadt will gezielt gegen Problem vorgehen. Eine Fachtagung lieferte Hinweise für einen Maßnahmenkatalog, den die Verwaltung entwickeln möchte.

Die Stadt will gezielt gegen Kinderarmut vorgehen. Ideen und Vorschläge dazu lieferte eine Fachtagung, zu der die Kommune unlängst die „wichtigsten Akteure“ nach Voerde an einen Tisch geholt hatte, wie es in einer Pressemitteilung der Koordinationsstelle Kinderarmut des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) heißt. Sie begleitet die Stadt seit Anfang 2017 in deren „Bestreben“, für dieses Problem zu sensibilisieren. Rund 50 Teilnehmer aus der Kinder- und Jugendhilfe – unter anderem Kitas, Schulen, die Koordinationsstelle Frühe Hilfen, Offener Ganztag, Vereine, Verbände, Beratungsstellen auf örtlicher wie überörtlicher Ebene, Jugendzentren etc., erklärt Voerdes zuständiger Dezernent Lothar Mertens auf Nachfrage – trafen sich im Rathaus zu der Fachtagung mit dem Titel „Aktiv gegen Kinderarmut – Teilhabe ermöglichen“.

Zunächst führten zwei Vorträge in das Thema ein: Nora Jehles vom Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung erklärte unter anderem, wie Armut bemessen wird, wer davon besonders betroffen ist, welche Auswirkungen diese hat und was dagegen getan werden kann. Legt man die Höhe des Einkommens zugrunde, ist ein Kind arm, „wenn es in einem Haushalt lebt, der weniger als 60 beziehungsweise 50 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung hat“. Gleiches gilt für ein Kind, das in einer Bedarfsgemeinschaft lebt, also in einem Haushalt, der Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) II (Hartz IV) beziehen. Wer ist besonders betroffen?: SGB-II bezögen 64,7 Prozent der Kinder, die Eltern mit niedriger Bildung haben, 60,4 Prozent der Kinder, die „nur bei der Mutter aufwachsen“ und 40,4 Prozent der Kinder, die einen Migrationshintergrund haben.

Armut wirke sich auf die Entwicklung von Kindern aus, führe etwa zu mangelhafter Deutschfähigkeit, zu Problemen in der Körperkoordination, bei der selektiven Aufmerksamkeit oder beim Zählen. Auch zeigte Nora Jehles anhand einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit auf, dass knapp 60 Prozent der leistungsberechtigten Kinder in Deutschland drei Jahre und länger in Armut leben, für viele ein „Dauerzustand“ sei. Umso wichtiger sei es, das Thema anzugehen und Lösungen zu erarbeiten. Den Folgen der Kinderarmut könnten auf kommunaler Ebene etwa eine frühkindliche Förderung (Kita-Beginn unter drei Jahren) und eine bedarfsgerechte Sportförderung entgegengesetzt werden.

Der Fachdienst Jugend der Stadt legte auf Basis sozialstruktureller Daten die konkrete Situation in Voerde dar: Der Anteil der Alleinerziehenden an allen Familien liegt mit 27,22 Prozent (Stand: 31. Dezember 2017) weit über dem Landesdurchschnitt von 18,23 Prozent – wobei es Stadtteile gibt, in denen der Anteil mehr als 30 Prozent beträgt. 2016 lebten in Voerde etwa 18 Prozent der unter 15-Jährigen in SGB-II-Bedarfsgemeinschaften, in ganz NRW waren es um die 20 Prozent. Auch traf der Fachdienst Jugend Aussagen zu der Gruppe derer, die als Geringverdiener keine Kita-Beiträge (bis 15 000 Euro Einkommen, Gruppe 0) oder die niedrigste Gebühr (bis 24 000 Euro Einkommen, Gruppe 1) zahlen: Demnach liegt der Anteil der „armutsbetroffenen“ (Gruppe 0) und „armutsgefährdeten“ (Gruppe 1) Kinder in den Kindertagesstätten bei rund 40 Prozent. In der offenen Ganztagsschule (OGS) sei der gesamtstädtische Anteil der armutsbetroffenen und -gefährdeten Kinder mit über 40 bis zu 50 Prozent sogar noch höher.

Ein weiteres Fazit: Die Sozialstruktur in der Stadt „ist sehr heterogen“. Einige Stadtteile würden „multiple Armutsrisikofaktoren“ aufweisen, während andere deutlich unauffällig seien.

Nach den Vorträgen tauschten sich die Teilnehmer der Fachtagung über Potenziale der Stadt zur Vermeidung von Armut aus. Dazu wurden beim Speed-Meeting, bei dem sie an verschiedenen Tischen zu jeweils fünf Fragestellungen arbeiteten und nach zehn Minuten zur nächsten Station wechselten, wie Sozialdezernent Mertens erläutert, zahlreiche Projektideen gesammelt. Dazu gehörten etwa die Intensivierung der Koordination und Vernetzung zwischen Stadt, Träger, Schule und Kita, ein Familienbüro als zentrale Anlaufstelle, die Aufstockung von Personal an OGS, Kita, Schule sowie der Schulsozialarbeit, der Ausbau der in Voerde bereits bestehenden Präventionskette und vieles mehr.

Die Ergebnisse der Tagung will die Verwaltung der Politik in der nächsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses Ende November präsentieren und sich den Auftrag zur Erarbeitung eines Maßnahmenkataloges abholen, wie Lothar Mertens ankündigt. „Jetzt geht es von der Theorie in die Praxis.“ Der Dezernent berichtet zudem von mehreren Trägern, die Interesse hätten mitzuwirken.

(P.K.)