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Interview: Erzähler mit Hut und Hellebarde

Interview : Erzähler mit Hut und Hellebarde

Seit 2003 führt Eduard Sachtje seine Gäste durch Dinslaken - mal als Nachtwächter Heinrich Denkhaus, mal als Landrat Julius von Buggenhagen, mal als Heinrich Schlitzohr. Der 66-Jährige weiß eine Vielzahl historischer Anekdoten zu erzählen.

Eduard Sachtje ist gebürtiger Dinslakener. "Ich wurde im Evangelischen Krankenhaus geboren", erzählt er. "Ich bin in die Dorfschule nach Hiesfeld gegangen, in der dortigen Kirche konfirmiert worden, und 1973 haben mich die Halunken vom Rathaus ausgebürgert und über die Lippe nach Drevenack abgeschoben." Dort wohnt Sachtje bis heute, ist aber regelmäßig in Dinslaken unterwegs. Mal mit Zylinder, mal mit Schlapphut und mal mit Hellebarde.

Es gibt menschen, die behaupten, Geschichte sei langweilig.

Eduard Sachtje Geschichte ist hochspannend und interessant. Wenn man Geschichte richtig versteht, kann man sehr viel für die Zukunft lernen. Denken Sie an Hitler oder an Napoleon.

Wie wird aus einem Finanzbeamten ein Stadtführer?

Sachtje Falsch gefragt. Ich war bereits als Schüler an Geschichte interessiert. In der 4. Klasse habe ich ein Fahrt durch den Kreis unternommen. Die Informationen haben mich so fasziniert, dass ich zu Weihnachten meinen ersten Heimatkalender geschenkt bekam. Das setzte sich über viele Jahre so fort. Bis schließlich Beruf und Familie kamen. Da wanderte alles in den Keller. Als meine Frau mir ein historisches Buch aus der Bibliothek mitbrachte, wurde mein Interesse neu geweckt. 2003 habe ich dann meine erste Stadtführung gemacht.

Erzählen Sie mir eine historische Anekdote aus Dinslaken, die kaum einer kennt?

Sachtje Normalerweise kennen die Leute alle meine Anekdoten. Weil ich sie natürlich erzähle. Deshalb gehe ich ja mit den Leuten. So richtige Geheimnisse kenne ich nicht. Nicht ganz so bekannt ist aber vielleicht, dass die Burg in Dinslaken eigentlich ein Luftschloss ist. Weil die Eichenbalken unterhalb des Turms weggefault sind und deshalb dort nur noch Löcher sind. Deshalb würde der Turm, wenn er denn noch so hoch wäre wie früher, auch so nicht mehr stehen.

Und bitte eine aus Voerde?

Sachtje Da muss ich eben nachdenken. Die Bahnhofstraße wird im Volksmund "Beamtenlaufbahn" genannt. Weil das eigentliche Voerde ja an der Frankfurter Straße liegt, dort war auch das Rathaus. Und wenn die Beamten zum Rathaus wollten, mussten sie eben die Bahnhofstraße entlang gehen.

Jetzt noch eine aus Hünxe?

Sachtje Nachdem er in einer Schlacht unterlegen war, ist de Monte, der Chef von Hünxe, vom Grafen von Kleve verpflichtet worden, dass seine Familie sich nicht mehr gegen den Grafen stellt. Als heimlich Waffe hat er dann seinen Nachwuchs im Kirchendienst untergebracht.

Woher wissen Sie das alles?

Sachtje Lesen. Das, was andere geschrieben haben. Und ich hab' auch selbst mal im Archiv geblättert. Ich bin mittlerweile Gasthörer an der Fern-Uni Lübeck. Und habe deutschlandweit Seminare besucht. Geschichtliche, natürlich.

Nachtwächter Heinrich Denkhaus, Landrat Julius Heinrich von Buggenhagen oder Zimmermann Heinrich Schlitzohr - welche Figur ist Ihnen die liebste?

SAchtje Die liebste ist mir natürlich der Nachtwächter. Der muss die beiden anderen Figuren auch finanzieren.

Und welche Figur entwickeln Sie als nächste?

Sachtje Mit dem Schlitzohr hab' ich die Entwicklung abgeschlossen. Dinslaken gibt auch keinen Raum mehr für neue Figuren.

Wie groß ist Ihr schauspielerisches Talent?

Sachtje Eigentlich hab ich überhaupt keines. Ich bin nur ein Geschichtenerzähler: Alles andere wäre auch künstlich, das würden die Leute sofort merken.

Singen Sie bei den Führungen auch mal?

Sachtje Sagen wir so: Es ist ein Sprechgesang. Denn: In der Schule musste ich immer mit dem Gesicht zur Tafel singen, weil das Gelächter meiner Mitschüler mich sonst gänzlich rausgebracht hat.

Gibt's bei Ihren Touren manchmal Leute, die besser Bescheid wissen als Sie?

Sachtje Es gibt immer mal Leute, die meinen, besser Bescheid zu wissen. Und meinen, mir Dinslaken erklären zu müssen. Aber meist sind dann alte Dinslakener dabei, die mir zur Seite stehen.

Wie viele Leute, die an Ihren Touren teilnehmen, kommen nicht aus Dinslaken, Voerde und Hünxe?

Sachtje Ganz wenige. Die einzigen Touristen bislang waren aus Agen. Bei der Führung gab es einen Dolmetscher. Flüchtlinge hatte ich auch schon mal dabei. Zum Beispiel aus Syrien.

Welche drei Orte in Dinslaken sollte ich unbedingt besuchen?

Sachtje Natürlich unser Museum. Wenn möglich mit Führung. Unsere Museumspädagogin Cordula Hamelmann ist sehr kompetent. Und die Altstadt, bei schönem Wetter in den Abendstunden.

Wieso gerade die?

Sachtje Weil das A meinem Interesse und B meiner Erinnerung an die Jugend geschuldet ist.

Was sollte ich in Voerde unbedingt besichtigen?

Sachtje Schloss Voerde, klar. Dann Götterswickerhamm. Und den Rhein. Und das Freibad.

Und in Hünxe?

Sachtje Natürlich wieder unser Museum; die alte Bergschule. Eine Wanderung durch die Wacholderheide in Drevenack ist auch zu empfehlen. Und nicht zu vergessen: Krudenburg - leider ohne Gaststätte, aber mit dem alten Hafen und einer schönen Geschichte. Und den Flugplatz Schwarze Heide.

Ein Blick über den Tellerrand: Was lohnt es sich abseits von Dinslaken, Voerde und Hünxe zu besichtigen?

Sachtje Radtouren durch unser Gebiet: Da braucht man ja wirklich keine Rücksicht auf Stadtgrenzen zu nehmen.

Haben Sie auch noch einen Geheimtipp für mich?

Sachtje Gahlen ist auch schön. Oder, sich mal mit dem Heimatverein in Schermbeck zu treffen - deren Geschichte ist auch der in Dinslaken nicht ganz unähnlich. Aber mehr verrate ich da jetzt nicht. Raesfeld, Lembeck - unsere Schlosslandschaften.

Was unternehmen Sie, damit Ihnen nicht langweilig wird?

Sachtje Ich setze mich in meinen Sessel und lese Geschichtsbücher. Oder Krimis, und zwar lokale Krimis

Können Sie eigentlich Latein?

Sachtje Nein, ich kann kein Latein. Meine schulische Ausbildung hat Latein nicht beinhaltet.

Machen Sie lieber Urlaub vor der Haustür oder fahren Sie auch mal weg?

Sachtje Wir fahren auch mal weg.

Wohin am liebsten?

Sachtje Meist bleiben wir in Deutschland. Früher, als man es sich noch leisten konnte, waren wir oft in der Schweiz. Sonst auch mal nach Italien.

Strand oder Berge?

Sachtje Ich würde gerne mal wieder in die Berge. Aber wegen der drei Kinder und meiner Frau fuhren wir meistens zum Strand.

Burgen oder Museen?

Sachtje Beides. Weil man oft Burgen ohne Museen nicht versteht. Oder umgekehrt.

Ruhrgebiet oder Niederrhein?

Sachtje Niederrhein.

Lieber ein guter Film oder ein gutes Buch?

Sachtje Lieber ein Buch. Weil man da mehr Fantasie einbringen kann.

Ihr Lieblingsbuch?

Sachtje Eifelkrimis, Ostfriesenkrimis, das sind so die Sachen, die ich gerne lese. Auch mal historische Krimis.

Welche Tour machen Sie am liebsten?

Sachtje Die eigentliche Nachtwächter-Tour durch die Altstadt. Aber es gibt natürlich auch eine Nachtwächter-Tour durch die Neustadt. Die Neustadt hat nämlich auch viel zu bieten.

Haben Sie einen Lieblingsstadtteil in Dinslaken?

Sachtje Hiesfeld. Ich bin in meinem ganzen Leben nie Hiesfelder gewesen, aber ich fühlte mich immer so.

Wieso gerade Hiesfeld?

Sachtje Ich bin dort zur Schule gegangen und konfirmiert worden.

Wenn Sie mit der Zeit reisen könnten, in welches Zeitalter würde es Sie verschlagen?

Sachtje Ich würde bleiben, wo ich bin. Meine These ist: Die beste aller alten Zeiten ist die aktuelle. Die gute alte Zeit gab's nicht.

Welche historische Person gefällt Ihnen besonders?

Sachtje Der Landrat Julius Heinrich von Buggenhagen.

Wieso gerade der?

Sachtje Weil der in einer Zeit hier lebte, die aus der vornapoleonischen, napoleonischen und nachnapoleonischen Zeit bestand - das heißt also: Der hat viel Wandel mitgemacht - nicht nur die örtliche, sondern auch die deutsche Geschichte miterlebt.

Haben Sie früher Asterix-Hefte gelesen?

Sachtje Nein. Erst später. Als meine Kinder welche hatten.

War Geschichte in der Schule Ihr Lieblingsfach?

Ich bin sieben Jahre zur Volksschule gegangen - da wurde Geschichte geschlabbert.

Erkennen die Dinslakener Sie auch unkostümiert auf der Straße?

Sachtje Selten. Mittlerweile mehr als früher. Aber früher überhaupt nicht.

Welches ist das bequemste Kostüm?

Sachtje Der Nachtwächter. Meine Freunde sagen immer: Das ist eine Gewandung zum Reinwachsen.

Wie eng ist der Austausch mit Berufskollegen, und was erzählen die so?

Sachtje Sehr eng. Ich bin Mitglied im Verein "Deutsche Gilde der Nachtwächter, Türmer und Figuren". Im kommenden Jahr wird sich der Verein in Dinslaken treffen - am 1. September.

Sie sind 66 - wie lange wollen Sie noch Führungen machen?

Sachtje Solange Leute noch mitgehen. Und natürlich, solange ich es körperlich noch kann.

Ihr Lieblingsort am Niederrhein?

Sachtje Auf 'ner Bank in der Wacholderheide zu sitzen, ist schon etwas Feines. Generell finde ich: Die Weite des Niederrheins, die ist toll.

Was würde Landrat von Buggenhagen Landrat Ansgar Müller raten?

Sachtje Landrat Ansgar Müller war mal bei einer Führung dabei. Und da habe ich ihm als Landrat natürlich meine Hilfe angeboten. Aber er hat sich bislang noch nicht bei mir gemeldet.

Ihre Lieblingseissorte?

Sachtje Haselnuss.

Und wo essen Sie die am liebsten?

Sachtje Aus historischen Gründen in der ältesten Eisdiele Dinslakens. Die hat ihr Geschäft mittlerweile an der Neustraße, stand früher allerdings mal im Bügeleisenhaus am Kreisverkehr.

(RP)