Dinslaken: Erinnerungen an die alte Rouleersburg

Dinslaken: Erinnerungen an die alte Rouleersburg

Kurt Altena erzählt von einem Abenteuerspielplatz mitten im ehemaligen Sumpfgebiet im Hiesfelder Bruch.

Wehmütig blickt Kurt Altena, ehemaliger Bürgermeister von Dinslaken und Hiesfelder Urgestein, zum südöstlichen Horizont. "Dort", so zeigt er mir mit ausgestrecktem Arm, "dort, wo heute unmittelbar hinter der Emscher die große Abraumhalde beginnt, erstreckte sich in meiner Kindheit noch das alte Sumpfgebiet im Hiesfelder Bruch, das die Leute früher 'das Rouleer' nannten." Kurt Altena ist Jahrgang 1929, seine Augen funkeln. "Für uns Kinder war es ein großes Abenteuer und auch immer etwas unheimlich, wenn wir im Rouleer gespielt haben."

Wir stehen vor den Ruinen des alten Eickhofs im Hiesfelder Bruch in Barmingholten, einem der ältesten Höfe im Umland. Mein Blick folgt seinem Fingerzeig in die Richtung, wo am Ende der Pferdekoppeln der Emscherdamm die Landschaft durchschneidet und jenseits des Kanals die mächtige Abraumhalde Wehofen die Landschaft dominiert. Kurt Altena gräbt in seiner Erinnerung. "Mitten in diesem ehemaligen Sumpfgebiet", so erzählt er weiter, "lag die Rouleersburg aus uralter Zeit. Heute aber ist von der Burganlage nichts mehr zu sehen, die Abraumhalde hat nach dem Zweiten Weltkrieg im Laufe der Zeit alles überdeckt." Er seufzt. "Heute würde die spurenlose Beseitigung einer für unsere Heimat so wichtigen historischen Anlage sicher nicht mehr erfolgen!"

Die Burganlage, die Kurt Altena noch aus seinen Kindheitstagen in Hiesfeld kennt, wurde von den Bewohnern des Landstrichs damals Rouleersburg oder Rollersburg genannt. Sie befand sich inmitten des einst schwer zugänglichen Sumpfgebietes im Hiesfelder Bruch bei Barmingholten. 1930 führte man eine kleine archäologische Grabung in der Burganlage durch - mit einem Ergebnis, das aufhorchen ließ: Die im Zuge der Ausgrabung gefundenen Tonscherben waren aus sehr alter Zeit und ließen darauf schließen, dass die Rouleersburg schon im 9. oder 10. Jahrhundert bestanden haben muss.

Als Fliehburg diente sie dazu, die Einwohner der umliegenden Höfe zu schützen: Im mittelalterlichen Land Dinslaken drohten der Bevölkerung stets Überfälle marodierender Krieger, Banden und Söldner. Bei solchen Gefahren konnten die Bewohner der einsamen Höfe am Rouleer mit ihrem Hab und Gut in die Burganlage flüchten (daher auch der gebräuchliche Name "Fliehburg").

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Kurt Altena erinnert sich an die anziehende Faszination, die die Burganlage für ihn und die anderen Kinder in den 1930er Jahren hatte. "Für uns Kinder aus Barmingholten und Hiesfeld war es immer ein besonderes Abenteuer, zur geheimnisvollen Burg im Rouleer zu gehen und dort zu spielen. Unsere Eltern haben uns aber immer gewarnt: 'Geht niemals alleine ins Rouleer, das ist viel zu gefährlich', sagten sie.

Uns Kinder haben diese Mahnungen nur noch neugieriger auf die alte Burg im Moor gemacht. Und wenn wir dort waren, waren wir oft auch nicht allein. Auch die Kinder aus Wehofen wagten den Weg durch das Rouleer zur Burg. Dort sind wir Knirpse aus Hiesfeld dann gegen die Wehofener Kinder angetreten, um die Herrschaft über das Rouleer auszufechten. Wir bewarfen uns gegenseitig mit Ästen, manchmal auch mit kleinen Steinen." Altena schmunzelt. "Zum Glück ist nie etwas passiert!"

Das Hiesfelder Bruchgebiet mit dem einst urwüchsig schönen Rouleer, seinen seltenen Tier- und Pflanzenarten sowie seiner alten Fliehburg verlor mit der Neugestaltung des Emscherkanals ab Ende der 1930er Jahre seinen Charakter. Das Rouleer trocknete mehr und mehr aus, da sich das Grundwasser bis zum Rand in der tiefen neuen Emscherrinne sammelte. Auch die Rouleersburg verlor so ihren natürlichen Schutz durch die Absenkung des Grundwasserspiegels, die schon vor dem Emscherneubau eingesetzt hatte und sich durch den Kanal weiter verstärkte. Der Graben um den Burghügel trocknete aus.

Nachdem der Platz auf den Abraumhalden Wehofen-West und Wehofen-Ost nicht mehr ausreichte, wurde Anfang der 1970er Jahre ein Planfeststellungsverfahren für die Abraumhalde "Wehofen-Nord" beantragt, um nördlich der Leitstraße bis zur Emscher - also auf dem Gebiet der Rouleersburg - eine Werkshalde zu errichten. Außerdem wurde das Gelände seit 1978 als Mülldeponie genutzt. Die Deponie begrub die Burganlage aus karolingischer Zeit. Heute erinnern noch einige Straßennamen in der Nähe (An der Fliehburg, Rouleerstraße, Landwehrstraße) an die bewegte Vergangenheit dieses Landstrichs.

(RP)
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