Kolumne "Neu in der Stadtbibliothek": Eine Revolution in Bayern

Kolumne "Neu in der Stadtbibliothek": Eine Revolution in Bayern

Der Kulturjournalist und Literaturkritiker Volker Weidermann wurde den RP-Lesern vor drei Jahren mit seinem ersten, auf Anhieb erfolgreichen Roman "Ostende. Sommer 1936" vorgestellt, einem bewegend erzählten Kapitel deutscher Literaturgeschichte. Mit "Träumer" legt er jetzt seinen ersten historischen Roman vor.

"Wie die Dichter die Macht übernahmen" (so der Untertitel des Romans) schildert die dramatischen Ereignisse im München der Revolutionszeit, vom November 1918 bis zum Mai 1919, im Stil einer spannenden Reportage, in rasantem Tempo und ständig wechselnden Perspektiven. Im Mittelpunkt steht zunächst der Theaterkritiker und Journalist Kurt Eisner, der sich nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung in Bayern am 8. November 1918 zum Ministerpräsidenten einer unabhängigen sozialistischen Republik wählen lässt, des neuen "Freistaats Bayern". Der politische Idealist Eisner gerät mit seinen sozialistischen Ideen rasch zwischen alle Fronten und fällt am 21. Februar 1919 einem politischen Attentat zum Opfer. Es folgt das kurze Kapitel der Münchner Räterepublik, erneut getragen von Dichtern wie Ernst Toller, Oskar Maria Graf und Erich Mühsam, bis am 2. Mai 1919 militärische Verbände dem sozialistischen Spuk in Bayern ein blutiges Ende setzten - um den Preis von über 600 Toten.

Volker Weidermann führt den Leser mitten hinein in die dramatische Umbruchs-Situation nach dem verlorenen Weltkrieg und fängt auch die Stimmungen auf der Straße mit ein. Dabei gelingt es ihm eindrucksvoll, die Magie eines historischen Augenblicks zu beschreiben, in dem das Alte von der politischen Bühne abtritt und plötzlich alles möglich erscheint. Ein gut recherchiertes und spannend erzähltes Kapitel deutscher Geschichte, das dem Leser in vieler Hinsicht Anstoß zu Nachdenken gibt.

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen; Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2017.

(RP)