Dinslaken: Eine Nacht zwischen Comics und Kabarett

Dinslaken : Eine Nacht zwischen Comics und Kabarett

Stadtbibliothek lockte in Dinslaken mit vielfältigem Kultur- und Mittmachprogramm. Wittek gab Anregungen für kreatives Zeichnen, "Restkultur" hatten "Spaß am Gras", und zwischen Bücherregalen tanzten die Besucher Zumba.

Fitnesstrainerin Regina Rottmann spornt Zumba-Tänzer zwischen Bücherregalen an, zur Musik von ABBA ihr Bestes zu geben. Im Lese-Café um die Ecke drängt sich die Schlange vor der Cocktail-Bar, während Cesare Siglarski und Stefan Jagdfeld Songs von "Hurt" bis "Mrs. Robinson" und von "Sweet Home Alabama" bis "Angels" live singen. Eine Etage tiefer diskutiert eine Handpuppe vor einem großen Kreis kleiner Zuschauer mit ihrer Figurenspielerin. Die Bibliothek - ein Ort der Stille? Nicht an diesem Freitagabend. Zur landesweiten Nacht der Bibliotheken hielt die Stadtbibliothek Dinslaken nicht nur die Ausleihe bis 22 Uhr offen - sie lockte Leser mit einem vielfältigen Kultur- und Mitmachprogramm rund ums Buch und darüber hinaus.

In der Ecke, wo sonst die Zeitschriften gelesen werden, herrscht allerdings eine konzentrierte Atmosphäre. 22 Kinder zwischen 9 und 13 Jahren üben sich in kreativem Zeichnen und kreativem Denken. Der Hamburger Comiczeichner Wittek mit großer Heimatverbundenheit zu Dinslaken erklärt in einem Workshop, worauf es ankommt, wenn man eine eigene Comicfigur kreiert und wie man Sprechblasen lesefreundlich in den Panels genannten Bildern einbaut. Die Kinder erstellen Vor- und Reinzeichnungen während Wittek von Tisch zu Tisch geht.

Seine Anregungen und Verbesserungsvorschläge sind sehr konkret, das Wissen, dass er vermittelt, fundiert. Dabei verlangt er von den Workshopteilnehmern Flexibilität. Denn immer, wenn eines der vier Panels pro Seite vollendet ist, wandert das Blatt zum nächsten. Jeder gibt der begonnen Geschichte eine neue Wende, führt neue Figuren ein und muss den Charakter, den ein anderer erfand, reproduzieren und in neue Bewegung bringen. Nach vier Stunden haben 22 Mädchen und Jungen einen verrückten Comic mit 88 Panels erstellt: eine superheldenhafte Leistung - und dazu ein Riesenspaß.

"Spaß an Grass" hat Restkultur. Die Dinslaken-Voerder Kabarettgruppe formierte sich bekanntlich auf Einladung von Bibliotheksleiterin Edith Mendel. Ehrensache, dass die Restkultur bei der Bibliotheksnacht auftritt - und den Berufsstand kräftig aufs Korn nimmt. Bettina Hecker und Herbert Menzel präsentieren Bibliothekarsmode über ein Jahrhundert. Die völlig unverändert bleibende mausgraue Kleidung nennt Thomas Hecker mal "lebhaft anthrazit", mal "jugendkultur-trendig hellschwarz". Einspruch erhebt Edith Mendel allerdings erst, als Herbert Menzel Immanuel Kant für einen Kalauer zum Großwildjäger machen will.

Das greift die Familie an, schließlich ist die Dinslakener Bibilothekarsleiterin mit dem Königsberger Philosophen (1724-1804) verwandt. Zum Mitsingen ist der Bibliotheks-Rap von Poe über Defoe bis Loriot über das "Interesse an Hesse" und den bereits zitierten "Spaß an Grass". Ein Genuss wie die Cocktails im Lesecafé, die es auch noch gratis gab. Limetten, frische Minze, Waldmeistersirup und Kiwi mixte das Bibliotheksteam zu alkoholfreien Kreationen, die dem Adjektiv "erlesen" zwischen all den Büchern eine ganz neue Bedeutung gab.

(RP)