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Dinslaken: Eine Mauer voller Wünsche

Dinslaken : Eine Mauer voller Wünsche

Interview Die Ausstellung "Blau – Bleu – Blue" auf dem Lohberger Zechengelände ist beendet. Der Großteil der Kunstwerke – einige wurden verkauft, einige noch nicht abgebaut – ist in die Ateliers zurückgekehrt. Sabine Hulvershorn (49) hat eine Arbeit auf dem Zechengelände vergraben.

Interview Die Ausstellung "Blau — Bleu — Blue" auf dem Lohberger Zechengelände ist beendet. Der Großteil der Kunstwerke — einige wurden verkauft, einige noch nicht abgebaut — ist in die Ateliers zurückgekehrt. Sabine Hulvershorn (49) hat eine Arbeit auf dem Zechengelände vergraben.

Es handelt sich um kleine Zettel, die Besucher — versehen mit persönlichen Wünschen — während der Ausstellung in Mauerfugen der Zentralwerkstatt gesteckt haben. Ralf Schreiner sprach mit der Dinslakener Künstlerin über die Aktion "Klagemauer".

Frau Hulvershorn, warum vergraben Sie Kunst?

Hulvershorn Normalerweise vergrabe ich meine Kunst nicht, bisher auf jeden Fall. Dieses Mal hatte es etwas mit dem Kunstwerk zu tun.

Wie kamen Sie auf die Idee mit der Klagemauer?

Hulvershorn Im Rahmen meiner Teilnahme am Twins-Projekt Blau-Bleu-Blue der Stadt Dinslaken mit den Partnerstädten Arad in Israel und Agen in Frankreich, besuchte ich mit anderen Künstlern bei unserem Aufenthalt in Israel im April dieses Jahres die Klagemauer in Jerusalem. Es war schon lange mein Wunsch diese heilige Stätte zu besuchen. Der Ort ist faszinierend. Etwa fünf Millionen Menschen aus der ganzen Welt besuchen die Klagemauer jährlich. Juden sowie nicht Juden, Männer und Frauen, Junge und Alte. Die Menschen stehen und sitzen dicht gedrängt. Mehr Frauen als Männer. Viele schreiben eine Botschaft, ein Gebet oder eine Bitte an Gott auf Zettel. Bei manchen sind es Zettelchen, bei manchen seitenlange Ausführungen. Zweimal im Jahr werden die Botschaften vom Oberrabi des Tempelbergs aufgesammelt und auf dem Ölberg vergraben.

Wozu hat Sie das inspiriert?

Hulvershorn Eine zentrale Frage unseres Partnerschaftsprojekts zur Kulturhauptstadt Ruhr.2010 war: Was verbindet die Menschen in den einzelnen Ländern? Was verbindet die Menschen überhaupt? Mir kam die Idee, in Dinslaken auf der Zeche Lohberg in der Zentralwerkstatt ebenfalls eine Klagemauer zu erstellen.

Wie reagierten die Besucher?

Hulvershorn Die Idee wurde ganz gut angenommen. Obwohl die Besucher zunächst zögerten, dort etwas hineinzustecken, entschlossen sich die meisten nach einem kurzen Moment des Innehaltens und Nachsinnens doch dafür.

Wie viele Zettel steckten in der Mauer?

Hulvershorn Es waren 59 Zettel.

Was stand drauf?

Hulvershorn Ich weiß es nicht. Ich habe die Zettel nicht gelesen. Obwohl ich äußerst neugierig war. Aber ich habe ich es nicht getan, um die Privatsphäre des Einzelnen zu wahren.

Haben Sie eine Ahnung, was darauf stehen könnte?

Hulvershorn Ich glaube, die Wünsche aller Menschen auf der Welt sind gleich. Egal ob Mann oder Frau, egal welche Religionszugehörigkeit der Einzelne hat, oder aus welchem Land er stammt. Diese Wünsche verbinden uns und heben alle Unterschiede auf. Es geht wahrscheinlich um Glück, um Gesundheit, um Liebe, darum, dass die Kinder sich gut entwickeln, um beruflichen Erfolg. Auch um übergeordnete Themen wie Weltfrieden, und dass es allen Menschen auf der Welt gleich gut gehen soll.

Was hätten Sie geschrieben?

Hulvershorn Ich habe etwas geschrieben. Ich habe um genau das gebeten, um Glück und Gesundheit für mich und meine Familie und diejenigen, die ich liebe. Dass meine Kinder sich gut entwickeln. Darum, dass ich für mich das Richtige erkenne und richtig handle. Und für den Weltfrieden und dass die Menschen achtsamer mit der Erde umgehen.

Welche Erfahrungen haben Sie in Israel gemacht?

Hulvershorn Ich habe in Israel sehr viele gute Erfahrungen gemacht. Zunächst einmal ist Israel ein sehr interessantes Land. Die Landschaft ist sehr beeindruckend. Arad liegt in der Negev-Wüste, das ist eine karge Steinwüste. Ich dachte, ich würde das nicht mögen, aber es hat sich herausgestellt, dass es dort sehr faszinierend ist, besonders unter spirituellem Aspekt.

Wie meinen Sie das?

Hulvershorn Wenn man mitten in der Wüste auf einem der nicht enden wollenden Hügel steht, fühlt man sich unmittelbar zwischen Himmel und Erde. Man spürt eine Art Unendlichkeit, eine Transzendenz Erde-Mensch-Himmel. Andererseits spürt man, dass die Menschen und das Land unter Druck stehen. Aufgrund ihrer Geschichte, der geografischen Lage und der momentanen politischen Situation.

Wie verliefen die Begegnungen mit den Menschen dort, insbesondere mit anderen Künstlern?

Hulvershorn Die meisten Menschen waren sehr freundlich. Den intensivsten Kontakt hatten wir Künstler untereinander, die meiste Zeit verbrachten wir an unserer Arbeitsstätte Desert Vision' einer Künstler-Begegnungsstätte, die von Avital und Alon Aharoni initiiert und aufgebaut wird. Die beiden sind außergewöhnliche Menschen. Aber auch das Kennenlernen der französischen und auch der Dinslakener Künstler war sehr intensiv, bereichernd und interessant. In Dinslaken hätten wir uns wahrscheinlich nicht so gut kennen gelernt.

Was hat Sie am meisten bewegt?

Hulvershorn Eine Begegnung mit einigen etwa neunjährigen Schuljungen in Jerusalem hat mich sehr betroffen gemacht. Eines der Kinder sagte zu mir: "Ich hasse die Deutschen." In meiner Sprachlosigkeit lächelte ich ihn an und entgegnete: "Aber ich hasse dich nicht." Vor solchen Begegnungen hatte ich schon vor der Reise ein wenig Angst. Die Künstler jüdischen Ursprungs hatten teilweise schon ein beklemmendes Gefühl nach Deutschland zu reisen. Viele haben Angehörige im Holocaust verloren. Bei manchen hatten ihre Großeltern oder Eltern hier sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Ein wenig schwebte dieses Gefühl immer über dem Projekt, war allerdings nicht immer offen spürbar, sondern eher unterschwellig vorhanden.

Welche Bedeutung hat Ihre Teilnahme an der Farbexpedition Blau — Bleu — Blue für Ihre künftige Arbeit?

Hulvershorn Gute Frage, darüber habe ich noch gar keine Zeit gehabt, richtig nachzudenken. Ich finde es interessant, das Thema "Was die Menschen verbindet oder unterscheidet", was den einzelnen Menschen ausmacht, zu vertiefen. Vielleicht könnte ich dazu noch einige Projekte machen.

Bei allen Projekten zur Kulturhauptstadt Ruhr.2010 geht es auch um Nachhaltigkeit. Es ist daran gedacht, die Arbeit mit Künstlern aus Agen und Arad fortzusetzen. Wie könnte das aussehen?

Hulvershorn Ich wäre an einem weiteren Austausch und an weiterer Zusammenarbeit sehr interessiert. Ich könnte mir vorstellen, einige Wochen oder Monate in eines der Länder zu fahren und dort zu arbeiten. Ich könnte mir auch vorstellen, dort Kunst oder Kunsttherapie in einer Schule oder einer anderen sozialen Einrichtung zu machen. Die Qualifikationen habe ich ja, stellt sich nur die Frage: Wer finanziert das? Als eine Gegenleistung könnte ein oder mehrere Künstler in dieser Zeit in meinem Atelier auf der Zeche Lohberg arbeiten.

(RP)