Neu In Der Stadtbibliothek: Ein denkwürdiger Jazz-Abend

Neu In Der Stadtbibliothek : Ein denkwürdiger Jazz-Abend

Friedrich Christian Delius, 1943 in Rom geboren, machte sich in den 1960er und 1970er Jahren als "linker" Lyriker einen Namen und gilt inzwischen seit Jahrzehnten auch als einer der wichtigsten Erzähler der Gegenwartsliteratur. RP-Lesern wurde er hier zuletzt 2016 mit seinem Roman "Die Liebesgeschichtenerzählerin" vorgestellt.

Seine jetzt erschienene autobiographische Erzählung "Die Zukunft der Schönheit" beleuchtet noch einmal auf ungewöhnliche Weise das große Thema von F. C. Delius: den Aufbruch der 1968er Generation. Der namenlos bleibende Ich-Erzähler, "ein schüchterner und verklemmter Jung-Dichter" und zugleich das Alter Ego des Autors, nahm im April 1966 an der legendären Tagung der "Gruppe 47" in Princeton teil und blieb danach noch einige Tage in New York. Am 1. Mai besucht er mit Freunden einen bekannten Jazz-Klub an der Lower East Side New Yorks und ist von den wilden, avantgardistischen Klängen des Free Jazz, den er hier zum ersten Mal in seinem Leben hört, zunächst geschockt und abgestoßen. Dann aber wird er von der "vulkanischen Gewalt dieser Musik" immer stärker mitgerissen und beginnt sie zu verstehen als musikalischen Ausdruck des Protests gegen den Vietnam-Krieg und gegen den Rassismus in der US-amerikanischen Gesellschaft.

Gleichzeitig gerät der junge Autor durch diese Jazz-Musik in einen Strudel von Erinnerungen an die provinzielle Enge seiner Kindheit und Jugend in Deutschland, an seinen autoritären und innerlich unsicheren Vater und an seine ersten literarischen Ausdrucksversuche - und ihm wird blitzartig bewusst, dass sein Weg der inneren Befreiung von lähmenden Konventionen noch vor ihm liegt.

Der Leser wird durch die expressive, rhythmisierte und rasante Sprache dieser "Jazz-Prosa" von Anfang an mit hineingerissen in das aufgewühlte innere Erleben des Ich-Erzählers, das die Aufbruchsatmosphäre der zweiten Hälfte der 1960er Jahre vorwegnimmt. Die schmale, aber überaus eindringliche Erzählung kann nicht nur "Alt-68ern" als nostalgisch-dichte Lektüre sehr empfohlen werden, sondern auch jüngeren Menschen, die sich ein Bild machen wollen von der Aufbruchsstimmung und dem Gestaltungsoptimismus der 1960er Jahre.

RONALD SCHNEIDER

Friedrich Christian Delius: Die Zukunft der Schönheit; Rowohlt Verlag 2018.

(RP)
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