Dinslakenerin fühlt sich ausgegrenzt wegen ihrer Krankheit

Dinslaken : Dinslakenerin fühlt sich wie Aussätzige

Petra Mill hat „Lupus“. Obwohl die Autoimmunkrankheit nicht ansteckend ist, fühlt sich die 48-Jährige oft vom Leben ausgegrenzt – und will nun aufklären.

Wer Petra Mill derzeit zufällig auf der Straße begegnet, sieht eine drahtige, sportliche Frau, Ende 40, blonder Kurzhaarschnitt. Wer nah genug herangeht, entdeckt Narben und Knoten auf ihrer Haut. Oft aber muss man nicht nah herangehen: Dann sind die Narben und Knoten leuchtend rot. „Ich blühe“, sagt Petra Mill. Das passiert, wenn sie schwitzt, friert, Stress hat, es gibt viele Auslöser. Petra Mill hat „Lupus“, eine Autoimmunerkrankung, die sich bei ihr auf die Haut beschränkt. Ansteckend ist „Lupus“ nicht – das belegt Petra Mill mit einem Attest. Trotzdem hat die Dinslakenerin wegen der Krankheit ihre Arbeit verloren, findet keine Wohnung. Das Schwimmbad, sagt sie, muss sie verlassen, sobald andere Badegäste kommen. Petra Mill fühlt sich behandelt wie eine Aussätzige.

Eine Windpockenerkrankung hat die Krankheit bei der 48-Jährigen vor vier Jahren ausgelöst. Der ganze Körper voller Pusteln, die Haare fielen aus, die Haut juckt extrem. Petra Mill war mehrfach im Krankenhaus. Ihrem Job als Bäckereifachverkäuferin kann sie nicht mehr nachgehen – wegen des Mehlstaubs. Und wegen der Kunden. „Ich versuche, alles, um einen anderen Job zu bekommen, ich will arbeiten“, sagt sie. Und sie kann auch arbeiten. Im Krankenhaus hat sie zwischenzeitlich Essen verteilt, in der Schule Kinder betreut. Aber sobald sie wieder „blüht“, ist der Job weg. Zuletzt in der Schule. „Könnte ja sein, dass Eltern nachfragen“, sagt Renate Wirth vom Kinderschutzbund. Sie betreut die Familie – Petra Mill hat zwei Kinder, eines wohnt noch zu Hause – begleitet sie auch zum Gespräch in die Redaktion. Gerne würde die 48-Jährige wieder Kinder oder Senioren betreuen. „Ich suche eine feste Arbeit, kann acht Stunden arbeiten. Aber keiner möchte mich“, sagt sie und lacht, um ihre Enttäuschung zu überspielen.

Gleichzeitig steige die Miete von Petra Mills Wohnung seit Jahren, berichtet Renate Wirth. Weil das Jobcenter nur einen bestimmten Satz zahle, lege Petra Mill die Differenz aus eigener Tasche drauf. „Deswegen hat sie kaum noch etwas zum Leben“, sagt Renate Wirth. Von 520 Euro sei die Miete auf 653 Euro gestiegen. Die Arge finanziere 459 Euro. „Wir sind seit vier Jahren auf Wohnungssuche“, sagt Renate Wirth. Sogar den Bürgermeister hat Petra Mill gemeinsam mit dem Jugendamt und Kinderschutzbund schon um Hilfe gebeten. Das Gespräch sei sehr nett gewesen, Michael Heidinger habe sich sehr betroffen gezeigt. Helfen konnte er nicht. Drei Zimmer für 459 Euro kalt, schimmel- und möglichst staubfrei? Ohnehin schwierig in Dinslaken. Der Markt an kleinen bezahlbaren Wohnungen sei „abgegrast“, so Renate Wirth, „und zwar nicht nur in Dinslaken sondern auch in der Umgebung“. Und wenn sie einmal eine Besichtigungstermin hat, „gibt es Vermieter, die umdrehen, wenn sie Frau Mill sehen“, berichtet Renate Wirth. 70 Wohnungen habe sie sich schon angesehen. „Viele melden sich erst gar nicht mehr, wenn sie mich gesehen haben.“ Mit Job wäre die aktuelle Wohnung kein Problem – aber so „kann ich die irgendwann nicht mehr halten“. Es ist ein Teufelskreislauf. Der Stress macht die Krankheit nicht besser.

Was Petra Mill wirklich gut tut, ist schwimmen. „Es ist gut für die Knochen und Chlorwasser tut mir gut.“ In den See darf sie nicht wegen der Bakterien. „Ins Dinamare darf ich morgens rein, sobald aber Badegäste kommen, muss ich raus.“ Obwohl sie immer ihr Attest vorlegt, das belegt, dass sie keine ansteckende Krankheit hat. Die Haus- und Badeordnung des Dinamare „schließt Personen von der Benutzung des Bades aus, die unter Einfluss von Medikamenten, Alkohol, Drogen oder sonstiger berauschender Mittel stehen sowie Personen mit ansteckenden Krankheiten oder offenen Wunden. Diese Regeln gelten in allen Bädern und dienen sowohl dem Schutz und der Sicherheit der von der Benutzung ausgeschlossenen Personen als auch der aller anderen Badegäste“, erklären die Stadtwerke.

Petra Mill sagt, sie gehe ohnehin nur schwimmen, wenn sie nicht „blüht“, wenn nichts aufgekratzt ist. „Es gibt Kinder, die mit so einer Krankheit geboren werden – die müssen doch am Leben teilhaben können, oder?“, fragt sie. „Ich will kämpfen für uns alle, damit alle wissen, dass diese Krankheit nicht ansteckend ist.“ Im Moment trägt die 48-Jährige täglich Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 70 auf, vom Arzt verschrieben, aus der Apotheke. „Deswegen geht es gerade“, freut sie sich. Weiß aber auch, dass sich das ganz plötzlich wieder ändern kann.

(aha)
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