Dinslaken/Voerde: Dinslaken verneigt sich vor Althoff

Dinslaken/Voerde: Dinslaken verneigt sich vor Althoff

Tagung auf Haus Wohnung: Fachvorträge und Diskussionen um den "heimlichen preußischen Kultusminister".

Dinslakens berühmter Sohn Friedrich Althoff wäre in diesem Jahr 175 Jahre alt geworden. Einst als heimlicher Kultusminister, als der Bismarck der Wissenschaft gefeiert, ist er heute kaum noch bekannt. Nicht einmal die Städte, die ihm viel verdanken, huldigten in diesem Jahr seinem Geburtstag. Nicht Göttingen, nicht Bonn, Straßburg oder Münster - renommierte Universitätsstädte, "die ihm eigentlich ihr Dasein verdanken", so Bürgermeister Michael Heidinger in seiner Festrede zur Althoff-Tagung auf Haus Wohnung.

Althoff sei es gewesen, der Universitäten ins Leben rief, Wissenschaft und Kultur förderte und Deutschlands Ruf als Wissenschaftsstandort in der Welt begründete. Es sei hoch zu loben, dass seine Geburtsstadt ihm in diesem Jahr in vielfältiger Hinsicht ein Denkmal setze, führte Prof. Dr. Bernhard von Brocke, einer der Althoff-Experten schlechthin, Heidingers Ausführungen weiter.

Doch auch Dinslakens Bevölkerung tut sich ein wenig schwer mit dem berühmten Sohn. Dabei scheint "Fritzchen", wie er liebevoll von seiner Mutter Julie Althoff, geborene von Buggenhagen, genannt wurde, ein richtiger Dinslakener Lausbub gewesen zu sein. Und als Gymnasiast und Student da saß er mehr als einmal im Karzer, weiß Stadtarchivarin Gisela Marzin zu berichten.

Der eine Teil bürgerlich, der andere aus altem pommerschen Adel, so wuchs der kleine Fritz wohlbehütet auf. Doch vielleicht war es gerade die Mischung aus Bürgertum und Adel, die Althoff zu kritischem Denken veranlasste. Die preußisch-protestantischen Einflüsse der Mutter wirkten ebenfalls stark auf Althoff ein. Gerade einmal 1300 Bürger lebten zu Althoffs Zeit in Dinslaken, unter ihnen gab es zwei Fabrikbesitzer, das waren ein Müller und ein Weber, 20 Groß- und Kleinhändler, sieben Gastwirte und zahlreiche Handwerker Ackerbau und Viehzucht bestimmten das Bild.

Durch die zunehmende Industrialisierung änderte sich dieses Bild der Stadt schon während Althoffs Kindheit rasant. Wandel der Arbeit, Wandel durch Ideen und Neuerungen, nicht Stillstand und Bewahrung des Althergebrachten trieben fortan Althoffs Denken und Handeln in Straßburg, Berlin und anderswo an, spinnt Gisela Marzin in ihrem Vortrag den Faden weiter. Sie erzählt von den Vorfahren Althoffs - väterlicher wie mütterlicherseits, von Althoffs Zuneigung zu seinem Halbbruder Gustav, seiner Heirat mit Marie Ingenohl, erzählt von den Schwestern und Halbgeschwistern, deren Nachkommen auf der Tagung anwesend waren und den Ausführungen lauschten.

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Dr. Bernd Haunfelder, ein Nachfahre eben dieses Gustavs, überreichte dem Stadtarchiv einen von Althoff an seine Familie geschriebenen sehr persönlichen Brief sowie drei biografische Handbücher. Dr. Hans Althoff hatte einige Gemälde und Auszeichnungen Althoffs für die Tagung bereitgestellt.

Während sich Gisela Marzin auf die Jugendzeit in Dinslaken und Wesel beschränkte, zeichnete Bernhard von Brocke ein Charakterbild Althoffs. Und letztendlich natürlich seinen Werdegang vom Studenten in Bonn zum bedeutenden Ministerialdirektor, dem zahlreiche Ressorts untergeordnet waren, wie die Hochschulen, die Denkmalpflege, die Museen, die Wissenschaften und vieles mehr.

Nach Althoffs Tod schafften dessen Nachfolger sein Arbeitspensum nicht. "Er konnte zehn Schreibern simultan diktieren, denn Schreibmaschinen gab es zu seiner Zeit noch nicht", so Prof. von Brocke. Als diszipliniert, arbeitsam, als Mann mit Zivilcourage, dem jegliche persönliche Eitelkeit fehlte, beschreibt von Brocke ihn.

Vorurteilsfrei sei er gewesen und dies, so habe Althoff immer betont, sei auf seine Kindheit in Dinslaken zurückzuführen, auf ein Elternhaus, das keine Vorurteile gegen Andere kannte.

(RP)
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