Dinslaken: Mobbing ist auch hier ein Problem

Der Selbstmord in Berlin wirft Fragen auch am Niederrhein auf : Mobbing ist ein drängendes Problem

Nach dem Selbstmord in Berlin haben wir Eltern und Schulen aus Dinslaken, Voerde, Hünxe nach Erfahrungen gefragt –  und dabei erschütternde Antworten bekommen.

(aha) Kinder und Eltern schweigen aus Angst, aus Scham, Schulen fürchten ums Image. Das Thema Mobbing wird gerne totgeschwiegen. Aber auch an Schulen in Dinslaken, Voerde und Hünxe wird gemobbt. Und zwar nicht erst, seitdem es Smartphones gibt. Seitdem aber verstärkt. In Berlin hat sich ein elfjähriges Mädchen das Leben genommen, weil es an der Grundschule gemobbt wurde. Wir haben das zum Anlass genommen, Eltern und Schulen zu fragen, ob Mobbing an den Schulen hier ein Problem ist und wie damit umgegangen wird. Und haben teils erschütternde Antworten bekommen.

Die betroffenen Eltern haben sich über Facebook, per Mail oder persönlich bei uns gemeldet. Die Namen sind uns bekannt, ebenso die Schulen, um die es geht. Um die Kinder zu schützen, wird beides nicht genannt.

„Es wird geschubst, bis zum Weinen hin gehänselt, schulische Defizite vor anderen Schulkindern breitgetreten, gemieden. Schulische Leistungen kippen und die morgendliche Überwindung zur Schule zu gehen wird mit Weinen oder diversen, hilflos vorgetäuschten Schmerzen untermalt.“ Das berichtet eine Mutter aus Dinslaken. Das Kind habe die falsche Haarfarbe, trage keine Markenklamotten, das genüge. Ihr sei es früher ganz genauso gegangen. Sogar Kippen hätten Mitschüler auf ihrem Arm ausgedrückt.

Ebenfalls in Dinslaken wird ein Kind auf dem Schulhof bedroht, zusammengetreten, systematisch zum Weinen gebracht, sagen die Eltern. Ihr eigentlich kontaktfreudiges Kind ziehe sich zurück, gehe mit Bauchschmerzen, gesenkten Schultern zur Schule, berichten die Eltern. „Es ist gar kein Selbstbewusstsein mehr da“, sagt der Vater, der das Kind gerne in einen Selbstverteidigungskurs geben möchte. Ein Junge soll schon mit Luftpistole und Messer an der Schule aufgetaucht sein, andere tyrannisieren, verletzen. Die Schulleitung unternehme nichts. „Wir fühlen uns hilflos“, sagen die Eltern. Diesen Satz hören wir häufig. An der Schule gebe es kein Mobbing, erklärt die Schulleitung übrigens auf unsere Anfrage.

„Ich möchte nicht, dass meine Jungs äußern, dass sie sich das Leben nehmen wegen der Schule“, sagt eine Mutter aus Voerde. Die Lehrer schauen weg, sagt sie, die Schulleitung lasse sie wochenlang auf ein Gespräch warten, das dann auch nichts gebracht habe. Nun will sie sich an die Kommune wenden.

Von „Schlagen, Hetzen und Beleidigen“, berichtet ein Vater aus Voerde. Eine kleine Gruppe Kinder hetze die ganze Klasse gegen einen auf. „Als Eltern soll man die Füße still halten und die Schule machen lassen.“ Eine andere Mutter wolle ihr Kind deswegen von der Schule nehmen. „Und keiner hat den Arsch in der Hose, dem zu widerstehen. Lieber mitmachen, als selber Opfer zu werden.“

Seit 2016 gebe es an der Schule Probleme, beschreibt eine Mutter aus Voerde. Die Schuld werde dem Opfer in die Schuhe geschoben.

Ihr Kind „macht das ja manchmal auch“, bekam eine Mutter aus Dinslaken zu hören, als ihrem Kind noch auf dem Boden liegend auf den Kopf geschlagen wurde. „Es zerreißt mir immer wieder mein Herz, wenn ich sehe, wie schwer er es in der Schule hatte“, sagt eine junge Frau aus Dinslaken über ihren Bruder. „Er wurde von gemobbt, weil er Akne hatte, litt an Depressionen. Im Feriencamp wurden seine kompletten Sachen, Koffer, Anziehsachen, Schlafsack aus dem Fenster geworfen.“ Im Abschlussjahrbuch der Schule würden „Demütigungen und Beleidigungen aufgezählt und geduldet“. Der Bruder wurde mit der Kategorie „dümmste Unterrichtsbeiträge“ bedacht. „Mein Bruder ist ein unfassbar netter Mensch. Ich kann so etwas nicht verstehen.“

Das sagen Schulleiter: „Wer behauptet, es gebe kein Mobbing an seiner Schule, der kennt seine Schule nicht.“ Das sagt Ulrich Wangerin, Leiter der Ernst-Barlach-Gesamtschule. Schule bildet Gesellschaft ab und damit bildet sie auch die Probleme ab, die es in der Gesellschaft gibt.“ Auch die Leiter der Gesamtschule Hünxe, Voerde und des Theodor-Heuss-Gymnasiums sprechen von wenigen Fällen. Die Digitalisierung und soziale Medien hätten dem Problem eine neue Dimension verschafft, so Wangerin und zu einer „deutlichen Zunahme“ geführt.

Häufig sei die Schule nur das Austragungsfeld, die Probleme würden hineingetragen, sagt Klaus Ginter, Leiter der Gesamtschule Hünxe. Wenn sich früher „ein paar Leute nachmittags auf dem Spielplatz gekebbelt haben, haben nur die das mitbekommen“, verdeutlicht Thomas Nett, Leiter des THG. Durch Whatsapp-Gruppen „schwappt das in die Schule.“

Der erste Tipp, den Silvio Husung, Leiter der Friedrich-Althoff-Sekundarschule, Eltern gemobbter Schüler gibt: „Schalten Sie die sozialen Medien ab, dann kann ihr Kind über diesen Weg nicht mehr gemobbt werden.“ Eltern, deren Kinder gemobbt haben, seien meist ahnungslos. „Die meisten Eltern wissen gar nicht, was ihre Kinder so tun.“ Er rät, bis zu einem gewissen Alter, die Handys der Kinder zu kontrollieren.

Sämtliche befragten weiterführenden Schulen haben Konzepte gegen Mobbing. Von Medienscouts am THG etwa über Klassenräte, Gespräche mit Schulsozialarbeitern, Eltern bis hin zu Ordnungsmaßnahmen. Bei der EBGS wurden schon Schulverweise ausgesprochen.

Das Problem: Immer mehr klassische Erziehungsarbeit falle auf die Schule zurück. „Familien als stabilisierende Säulen brechen mehr und mehr weg“, teils auch aus ökonomischen Gründen, so Wangerin. Die Schulen würden aber nicht ausreichend mit Personal ausgestattet, „um so gut zu sein wie gute Eltern“.

Und: Die Betroffenen werden immer jünger. Laut Klaus Ginter hat sich das Problem „nach vorne verlagert“. Früher sei der achte, neunte Jahrgang betroffen gewesen, heute seien es mitunter Sechstklässler.

„Ich wünsche mir, dass ich mal mitspielen darf.“ Solche Nachrichten hat Ludger Zech, Leiter der Hagenschule, schon in den „Postkästen“ seiner Klassen gefunden. Selbst an der Grundschule gebe es immer wieder Kinder, die es „ein wenig schwerer haben, akzeptiert zu werden“. Kindersorgen oder erste Hinweise auf Mobbing? Die Schule setze jedenfalls alles daran, solche Probleme zu lösen.

Der Begriff werde „inflationär gebraucht“, findet Ursula Reinartz, Leiterin der Comenius-Gesamtschule Voerde. „Ein kleines Beschimpfen, eine kleine Rangelei wird häufig schon als Mobbing bezeichnet.“ Mobbing ist für sie ein „systematisches Ausgrenzen über längere Zeit“. Das sieht Ulrich Wangerin anders: Mobbing beginnt für ihn, „wenn ein Schüler sich als Opfer fühlt. Wehret den Anfängen.“

(aha)