Dinslaken: Jay Ottaway Band in der Gastätte Maaß

Dinslaken: Der Wanderbursche hat den Blues

Die amerikanisch-deutsche Jay Ottaway Band bietet in der Gaststätte Maaß Blues und West Coast Rock vom Feinsten. Da tanzen die Gäste sogar auf Wilhelm Müllers „Winterreise“.

Die Band ist gekommen, um zu rocken, und zwischen den Stehtischen und Barhockern bei Maaß wird getanzt. Nur wer auf die englischen Texte lauscht, mag ein wenig schmunzeln. Es sind freie Übertragungen der „Winterreise“ von Wilhelm Müller. Nicht gerade die Party-Kracher für einen Samstagabend. Oder doch? Wenn Jay Ottaway vom „Refugee of Love“ auf der Landstraße singt, wartet der „Hurdy Gurdy Man“ wie der Teufel an der Straßenkreuzung, um sich ein weiteres gebrochenes Herz zu schnappen und von dort ist „Knocking on Heaven’s Door“ nur noch drei Gitarrenakkorde entfernt. Ganz klar: Müllers liebeskranker Wanderbursche hat den Blues. Und ist damit ein klarer Fall für den Singer-Songwriter aus Boston, der einmal im Jahr nach Deutschland kommt, um mit seinen hiesigen Bandkollegen feinsten West Coast Blues Rock zu spielen. Samstag war das Sextett zum zweiten Mal bei Maaß, ein Heimspiel für Gitarrist H.B. Hövelmann, der nach eigenen Angaben „sechs Kilometer nördlich der Säule“, die die Decke der Kneipe stützt, aufgewachsen ist.

Wenn die Jay Ottaway Band in Fahrt kommt, also in den ersten Sekunden des Openers „All this Rain“, ist der West Coast Zug nicht mehr zu stoppen. Kaum ein Solo von Saxophonist Shawn Spicer, das nicht umgehend von H. B. Hövelmann auf der E-Gitarre beantwortet wird, und meistens hat dann Markus Grieß am Keyboard auch noch etwas dazu zu sagen. Man spürt einfach das Miteinander, dass hier nicht einfach nur Musiker den Stücken eines Singer-Songwriters mehr Druck verleihen, sondern eine Band gemeinsam agiert. Was sich auch in den Liedern der „Winter’s Journey“ niederschlägt: Sie sind in der Live-Version der Jay Ottaway Band treibender, druckvoller, rockiger als auf dem Album.

Am Abend vor Maaß stand die Band noch in Bamberg beim Tucher Blues und Jazz Festival auf der Bühne. Auch 2017 kam die Band direkt von Bamberg nach Dinslaken, diesmal aber hatte Ottaway sein neues Live-Album dabei. Und das nahm seine deutsche Band eben vor exakt einem Jahr in Bamberg auf. Auf der Live-CD dabei: Frank Tetzner, der aktuell verletzungsbedingt pausieren muss. Er wurde in Dinslaken von Henrik Herzmann würdig vertreten.

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Ein Grund, warum sich Ottaway von der „Winterreise“ hat inspirieren lassen, liegt in seinem eigenen Sprachgefühl als Songtexter. Aber wichtiger für die minütlich steigende Stimmung bei Maaß ist die Musik. Ottaway covert sparsam, setzt aber mit „I know you Rider“ und „Brown-eyed woman“ von Grateful Dead klare Statements. „Meine Lieblingsband“ sagt er. Und das hört man in seinen eigenen Songs: elektrisierender Blues, treibender Rock, diese ganze positive Energie des Americana, die sich an der ihn umwehenden Melancholie entlädt.

Zweieinhalb Stunden spielen Jay Ottaway und seine Bandkollegen mit ungebrochener Spielfreude und als sich dann der Abend mit „Knocking on Heaven’s door“ dem Ende neigt, möchte keiner aufhören. Die Musiker nicht, die ein Solo ans andere hängen, die Gäste im Maaß nicht, die nach einer Zugabe verlangen, kaum, dass der letzte Akkord verklungen ist. Es gibt halt Musik, die einfach nur unverwüstlich ist.

(bes)
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