Dinslaken: Im Lesegarten mit Ruth Levin

Dinslaken: Eine Frau nimmt Abschied

Dinslaken hat einen idyllischen Lesegarten an der Stadtinformtion am Rittertor. Die Rheinische Post spricht dort mit Menschen darüber, was sie gerade lesen: diesmal mit der Pfarrerin Ruth Levin.

Frau Levin, welche Lektüre haben Sie mitgebracht?

Ruth Levin Ein Buch von Susann Pásztor mit dem Titel „Und dann steht einer auf und öffnet das Fester“. Es handelt sich um einen Roman, der 2017 bei Kiepenheuer und Witsch erschienen ist.

Worum geht es in dem Buch? Erzählen Sie bitte etwas über den Inhalt.

Levin In dem Buch geht es, kurz zusammengefasst, um eine Frau, die höchstens noch ein halbes Jahr zu leben hat. Fred Wiener glaubt zu wissen, wie man einem solchen Menschen begegnen kann. Er ist allein erziehender Vater und Sterbebegleiter. Er hat sich zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter ausbilden lassen. Die Begegnung mit dieser Frau ist seine erste Begleitung. Natürlich ist er daher entsprechend aufgeregt. Ich finde, er ist auch an manchen Stellen etwas ungeschickt, aber das macht die ganze Sache nur umso menschlicher und eigentlich auch schöner. Die Dame, die er begleitet, ist Karla Jenner-Garcia.

Können Sie diese Frau etwas näher charakterisieren?

Levin Karla ist gewöhnungsbedürftig. Sie ist sehr sperrig, hat einen unglaublich starken Willen und versucht auch alleine, sich mit ihrem bevorstehenden Tod auseinanderzusetzen. Begegnung und menschliche Nähe lässt sie nur sehr dosiert zu. Dann begeht Fred auch noch den Fehler, eine Begegnung mit ihrer Schwester zu inszenieren, damit Karla sich mit ihrer Vergangenheit versöhnen kann. Diese Begegnung geht gründlich schief, so dass Karla den Kontakt zu Fred abbricht. So bleibt nur noch der Kontakt zu Freds Sohn Phil bestehen, der 13 Jahre alt ist. Karla hat Phil gebeten, all ihre Konzertfotos zu digitalisieren. Das macht der Junge auch. Karla und Phil kommen miteinander über Leben und Sterben ins Gespräch, die Beziehung zwischen beiden verbessert sich deutlich, weil Phil durch die Gespräche mit ihr eine andere Sicht aufs Leben bekommt und dadurch auch eine andere Sicht auf seinen Vater. Später erhält Fred eine zweite Chance, um mit der sterbenden Karla in Kontakt zu kommen, dabei spielt ein Hausmeister eine Rolle. Dann kommt es doch wieder zu verschiedenen Begegnungen. Bei einer dieser Begegnungen nimmt sie Fred mit zu einem Bestatter, bei dem sie sich informieren will über mögliche Bestattungsformen. Und das ist, wie ich finde, ein wunderbares Kapitel in diesem Buch, eines der besten.

Am Ende stirbt Karla.

Levin Wie es dann so ist bei schwerstkranken Menschen, Karla wird immer schwächer, muss immer mehr Schmerzmittel nehmen und stirbt am Ende an Krebs. Das ist ganz klassischer Krebsverlauf, bei dem am Ende Morphine eingesetzt werden. Auch ein wunderbares Kapitel, denn Karla kommt aus der Hippiezeit und ist so um die 70 Jahre alt. Irgendwann empfiehlt der Arzt ihr, nicht nur die Morphine zu nehmen, sondern auch Cannabis. Sie empfindet es als unglaublich lustig, dass der Arzt ihr das empfiehlt, denn sie hat bis vor zehn Jahren Cannabis geraucht, es sich dann aber abgewöhnt, und nun kommt ihr Arzt und empfiehlt ihr auf ihre alten Tage, dieses Rauschmittel wieder zu nehmen. Da ist auch viel Komik drin in diesem Buch, deswegen finde ich es auch so wunderbar.

Was zeichnet dieses Buch nach Ihrer Einschätzung aus?

Levin Eigentlich denkt man: ein trauriges Thema. Und es sind natürlich auch sehr berührende und traurige Szenen in diesem Roman enthalten. Geschildert werden auch all die Widerstände, mit denen ein Mensch sich in seinem Leben so rumschlägt und die ihn natürlich auch bis in den Tod begleiten. All dieses wird aufgezeigt durch den Konflikt, den Karla mit ihrer Schwester hat. Karla ist so sperrig, eine Alt-68erin, die in ihrer Jugend ausgeflippt ist, Rockkonzerte besucht und davon jede Menge Fotos gemacht hat. Und sie hat eine sehr eigenwillige Art, aus dem Leben zu gehen.

Wie macht sich das bemerkbar?

  • Kreis Viersen : Sterbebegleiter gehen in die Grundschulen

Levin Auf diesem Weg reibt sie sich immer wieder mit dem Sterbebegleiter. Sie hat eine sehr individuelle Art, Abschied zu nehmen, aber in der Beschreibung durch die Autorin eine sehr menschliche. Eine der dichtesten Szenen des Buches ist eine der letzten Begegnungen zwischen dem Sterbebegleiter und ihr, wo sie sich wünscht, noch ein letztes Mal in den Arm genommen zu werden – und das ist für beide Seiten eine sehr überwältigende, schöne Begegnung. Sie hört dann zum letzten Mal das Lied „Both sides now“ von Judy Collins. Aber trotz des ernsten und traurigen Themas habe ich bei diesem Buch an vielen Stellen gelacht, weil die Autorin durch diese sperrige Protagonistin so viel Lustiges in die Geschichte hineinbringt. Die lustigste Szene ist die mit dem Bestatter, da musste ich herzlich lachen. Ich bin Pfarrerin und habe viel gehört und erlebt, wenn es um Beerdigungen und Bestattungen geht. Ich habe mich auch mit dem sich wandelnden Bestattungswesen beschäftigt, wo immer neue Bestattungsformen kreiert werden. Ich kenne einiges schon von der Fachmesse „Leben und Tod“ in Bremen, wo Hospize, Friedhofsbetreiber, Steinmetze und eben auch Bestatter ausstellen, gerne auch die holländischen, die ja fast alles möglich machen. Von daher bin ich schon einiges gewohnt. Aber der Bestatter in diesem Buch, der topt das noch. Da gibt es eine Szene, wo der Bestatter, formvollendet, in höflichster Manier, aber natürlich auch geschäftstüchtig, das gesamte Spektrum der möglichen Bestattungen vor der Dame ausbreitet. Da wird es dann immer absurder.

Würden Sie das verdeutlichen?

Levin Karla sitzt bei diesem Bestatter mit Namen Christoph Merz, der sie nach ihren Wünschen fragt. Ihr, so erzählt sie, habe eine zeitlang die Idee gefallen, als Schwarzpulverbeigabe in einem Feuerwerk zu explodieren, doch sei sie davon abgekommen, weil sie keine Spuren hinterlassen wolle.Was sie wolle? Kein Grab, keine Bestattungszeremonie, keine Trauerfeier, nicht unter die Erde und nicht in ein Regal. Der Bestatter führt weitere Möglichkeiten an. So könnten aus Karlas Asche bis zu fünf Diamanten gewonnen werden, auf die sich die Hinterbliebenen sicherlich freuen würden. Auch Amulette mit Asche würden von den Angehörigen oft nachgefragt. Schließlich gipfelt das Gespräch in dem Vorschlag des Bestatters, dass man aus ihrer Asche ein Substrat machen könnte, das einem Baum ihrer Wahl zugeführt werde und sie damit quasi in diesem Baum weiterleben würde. Karla denkt bei dieser Möglichkeit an einen Olivenbaum in Spanien.

Für welche Art der Bestattung entscheidet sie sich?

Levin Sie will kein Baum sein. Ihr schwebt eine schlichte, anonyme Beerdigung vor. Die Autorin Susann Pásztor ist selber Sterbebegleiterin, von daher besitzt sie wahrscheinlich auch für die Thematik ihres Buches das entsprechende Gespür für Feinheiten und Zwischentöne, für die menschlichen Seiten. Denn jeder stirbt so, wie er gelebt hat, sehr individuell und nimmt all seine Eigenheiten auch auf diesem letzten Stück Weg mit. Es gelingt der Autorin sehr gut, dies alles einzufangen.

Wie sind Sie zu diesem Buch gekommen?

Levin Meine Freundin arbeitet als Koordinatorin im ambulanten Hospiz Oberhausen und hat sehr viel mit Sterben und ehrenamtlichen Sterbebegleitern zu tun. Sie machte mich auf diesen Roman aufmerksam. Dann habe ich mir dieses Buch angeschafft und nicht bereut, es gelesen zu haben Es ist wirklich toll, auch nicht platt geschrieben und hat viele weise Szenen. Es gibt ja Menschen, die mit dem Thema Tod und Sterben gar nicht in Berührung kommen wollen, die müssten sich sicherlich einen Ruck geben, es zu lesen. Aber durch die Komik, die in diesem Buch enthalten ist, es ist ja nicht so bierernst, gerade dadurch wird es ja auch leicht, sich dem Thema anzunähern. Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen. Durch die Person des Phil wird auch jüngeren Leser der Zugang erleichtert.

Was bedeutet der Titel des buches?

Levin „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“ bezieht sich auf einen Ritus, der in Deutschland und ich denke auch in anderen Ländern sehr verbreitet ist, wenn ein Mensch gestorben ist, das Fenster zu öffnen, damit die Seele entweichen kann. Das ist natürlich der Zielpunkt, auf den das Buch hinausläuft, dass die kranke Karla stirbt – und dann wird das Fenster geöffnet.

Das Gespräch
führte Heinz Schild