Dinslaken: Im Lesegarten mit Peter Theißen

Im Lesegarten: Eine sehr gut lesbare Technikgeschichte

Dinslaken hat einen idyllischen Lesegarten an der Stadtinformation. Die Rheinische Post spricht dort mit Menschen darüber, was sie gerne lesen: diesmal mit Museumsleiter Peter Theißen.

Herr Theißen, welche Lektüre haben Sie mitgebracht?

Peter Theißen Ich habe mitgebracht Günter Bayerls Buch „Technik in Mittelalter und Früher Neuzeit“, 2013 erschienen im Stuttgarter Theiss-Verlag. Dieses Buch habe ich ausgewählt, weil ich es für ein Werk halte, das erstens sehr, sehr gut lesbar ist, das zweitens die Erfahrungen und Fachkenntnisse eines inzwischen pensionierten Professors für Technikgeschichte gut zusammenfasst und das drittens die technischen Zusammenhänge, denen wir uns heute gegenübergestellt sehen, so allgemeinverständlich in einen historischen Kontext setzt, dass man versteht, wo wir herkommen und warum etwas so ist, wie es heute ist.

Wenn ich mir das Buch angucke, das Sie in der Hand haben, ist das ja ein recht schmaler Band. Dafür ist aber ein großer Zeitraum zwischen die Buchdeckel gepackt.

Theißen Es hat ohne Literaturnachweise an reinem Lesetext 183 Seiten. Diese 183 Seiten sind in wenige Kapitel eingeteilt, die aber einen sehr schönen Überblick geben über die technischen Grundlagen, die technische Intelligenz, über Lebensverhältnisse, über den Wandel vom Handwerk zur Manufaktur, auch über die politischen Zusammenhänge, die technische Entwicklungen ergeben oder beeinflusst haben. Genau diese Wechselwirkungen haben mich immer fasziniert, und sie bringen uns im Städtischen Museum Voswinckelshof immer wieder zum Nachdenken. Dann ist es schön, wenn man so eine Zusammenfassung hat und dort nachgucken kann.

Können Sie ein Beispiel für diese von Ihnen angesprochenen Wechselwirkungen nennen?

Theißen Nehmen Sie den Bereich Schuhmacherei, den wir in unserer Dauerausstellung zeigen. Bayerl hat den zum Anlass genommen, den Wandel vom Handwerk – in diesem Fall das Schuhmacherhandwerk – zur Manufaktur darzustellen, wo dann in Serie arbeitsteilig Schuhe hergestellt werden. Genau das zeigen wir auch in unserer Dauerausstellung. Das ist eine Entwicklung, die im 16. Jahrhundert begann und die sich im 18. Jahrhundert in einigen Branchen dann sehr stark über ganz Europa ausdehnte.
Das kann man – zum Beispiel sehr gut bei Führungen – den Besuchern näherbringen. Insofern ist dieses Büchlein auch für mich persönlich ein Gewinn gewesen. Ich kannte zwar manche technischen Entwicklungen, weil ich eine Doktorarbeit über die Mühlen im Münsterland geschrieben habe und mich dabei viel mit Technikgeschichte beschäftige. Ich bin auch seit mehr als 30 Jahren im Gesprächskreis Technikgeschichte aktiv und habe da 1983 den Autor persönlich kennengelernt. Diese historischen Verknüpfungen immer wieder auch auf die Gegenwart zu beziehen ist etwas, was ich im Grunde jeden Tag dienstlich mache. Das habe ich in diesem Buch noch einmal – sehr lesbar auf den Punkt gebracht – nachvollziehen können.

Wenn ich Sie richtig verstehe, ist das Buch also nicht nur etwas für Leute, die vom Interesse an der Technik herkommen, sondern auch für die, die gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge nachvollziehen wollen.

Theißen Das ist ganz wichtig. Das ist ein Buch, das jeder mit Gewinn lesen kann, der sich dafür interessiert, warum manche Zusammenhänge heute so sind, wie sie sind, sobald sie irgendwie mit Technik zu tun haben. Ob das die Münzprägung ist, ob das Mühlen sind, ob das der Wasser- oder der Bergbau ist, hier kommen eine ganze Reihe von Lebensbereichen und technischen Aspekten zusammen: etwa im Kapitel „Der unheimliche Heimatwald – der andere Lebensraum“. Dort beschreibt Bayerl den Wald als Holzversorger für Holzkohleerzeugung, für den Schiffsbau, für den Kirchenbau, für Dachstühle, für alles mögliche. Von einem Professor, der aus der Wissenschaft kommt, erwartet man ja eigentlich nicht, dass er ein wirklich leicht lesbares fachliches Buch anbietet, das dann auch noch Spaß macht, weil er Beispiele nimmt, die einen zum Schmunzeln bringen und einem klar machen, wie es den Menschen in ihrer Zeit so ging. Der Titel lässt es nicht unbedingt vermuten, aber das Buch eignet sich tatsächlich auch als Urlaubslektüre.

Man kann das Buch in einem durchlesen. Kann man sich die einzelnen Kapitel denn auch häppchenweise zu Gemüte führen?

Theißen Man kann, aber man wird’s, so glaube ich, nicht in Häppchen lesen, wenn man einmal Feuer gefangen hat. So nach den ersten zehn, zwölf Seiten hat der Bayerl einen gepackt, und dann liest man’s durch.

Ab welchem Alter kann man dieses Buch empfehlen?

Theißen Ich würde sagen ab zwölf Jahren, weil es eben vom Schreibstil sehr flüssig lesbar ist und Bayerl mit Sammelanmerkungen arbeitet. Anders als in anderen wissenschaftlichen Werken, wo mehr oder weniger Seite für Seite mit Verweisen gearbeitet wird, hat er das zusammengefasst und hinten angefügt, so dass man nicht ständig über den wissenschaftlichen Apparat stolpert. Das macht die Lektüre angenehm. Zudem hat Bayerl eine Menge historische Abbildungen eingestreut, Schemazeichnungen, die Vorgänge erläutern, aber eben auch historische Radierungen, Grafiken, Karten, Pläne. Sie tragen zum Verständnis bei und illustrieren das Buch zeitgenössisch. Da kann man sich auch einmal in ein Bild vertiefen, einfach mal gucken und dabei besser verstehen. Bilder waren ja früher mehr Träger von Informationen als freie Kunst. Auch dazu schreibt Bayerl etwas. Er hat das Zeichnen als Teil der technischen Intelligenz zum Thema eines Abschnitts gemacht.
Und wenn man vor dem Hintergrund der neuen Erkenntnisse, die man sich gerade angelesen hat, mittelalterliche Zeichnungen anschaut, dann merkt man, wie technische Zusammenhänge im Verlauf der Zeit immer besser visualisiert wurden. Technische Zeichnungen des Mittelalters – von bestimmten Vorrichtungen etwa – sehen nicht aus, als könnte da irgendetwas funktionieren. Doch wenn man sich dann reindenkt, weiß man plötzlich, wie der Zeichner es gemeint hat. Zeichnungen des 18. Jahrhunderts dagegen sehen schon aus wie Konstruktionszeichnungen, nach denen ein Maschinenbauer arbeiten kann.

Dann hat das Buch ja auch noch einen museumspädagogischen Effekt, weil es lehrt, genau hinzugucken und zu erkennen.

Theißen Ja, das kann man so sagen. Das Buch bringt einem bei, wie man auch auf die Welt gucken und Perspektiven entwickeln kann, die man so nicht auf dem Schirm hatte.

Jörg Werner führte das Gespräch