Dinslaken: Ein Parcours zum Gesundheitstag in der Neutor-Galerie bot die Möglichkeit, sich in Demenzpatienten hineinzuversetzen

Dinslaken: Einmal fühlen wie ein Mensch mit Demenz

Ein Parcours zum Gesundheitstag in der Neutor-Galerie bot die Möglichkeit, sich in Patienten hineinzuversetzen.

Mit unsicheren Handgriffen kramt Brigitte Brzeski in einer großen Geldbörse nach Kleingeld. Schnell hat sie einen Schein herausgefischt und auch den Chip für den Einkaufswagen vom Kleingeld getrennt. Trotzdem kann sie die Münzen, die sie sucht, nicht finden. Das liegt an der speziellen Brille, die sie über den Augen hat und die dafür sorgt, das vor ihrem Gesicht alles undeutlich wird und verschwimmt. „Wenn man nichts sehen kann, ist es schwierig, etwas zu tun“, sagt die 63-Jährige. Der Versuch mit der speziellen Brille und dem Kleingeld gehört zum Demenzparcours, den die Projektgruppe Demenz Dinslaken zum Gesundheitstag in der Neutor-Galerie aufgebaut hat.

„Es geht darum, sich in die Gefühlswelt eines Menschen hineinzuversetzen, der unter Demenz leidet“, erklärt Inge Ennuschat von der Projektgruppe. Und das gelingt mit den Stationen des Parcours ganz gut, denn hier kann man selbst erleben, wie frustrierend es sein kann, an alltäglichen Aufgaben zu scheitern. „Das Nachzeichnen des Sterns da drüben hat mich richtig zur Verzweiflung gebracht. Da bin ich richtig wütend geworden“; schildert Brigitte Brzeski. Ein Blatt Papier mit den Umrissen eines Sterns wird vor dem Teilnehmer in eine Box mit Löchern für die Hände gelegt. Auf der anderen Seite der Box befindet sich ein Spiegel, der die einzige Möglichkeit ist, auf das Blatt zu blicken. Mit einem Stift soll man nun die Umrisse des Sterns nachzeichnen.

Aaliyah (l.) gelingt es bei Erika Tepel (2.v.l.) gut, einen Schuh zu binden, den sie nur in einem Spiegel sehen kann. Andere Aufgaben lassen sie verzweifeln. Foto: Martin Büttner

Das klingt wesentlich einfacher, als es ist. Selbst mit voller Konzentration gelingen auf dem Papier eher kurze, ungelenke Linien als gerade Striche. Noch schlimmer wird das ganze, wenn jemand zur Eile antreibt. Kommt man einmal aus dem Fluss, ist es kaum noch zu bewältigen. Man verzweifelt an der eigenen Unfähigkeit, die scheinbar einfache Aufgabe zu lösen und wird wütend auf sich selbst und das Unverständnis der umgebenden Personen. „Das ist es, was Menschen mit Demenz jeden Tag fühlen“, sagt Erika Tepel von der Projektgruppe Demenz.

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Zu den zahlreichen Besuchern gehören auch die 11-jährige Aaliyah und ihre 13-jährige Schwester Ashley. Aaliyah versucht gerade, einen Schuh zu binden, während sie diesen nur in einem Spiegel sehen kann. Schnell meistert sie diese Aufgabe. „Das war einfach“, sagt sie. Ganz andere Erfahrungen haben die Schwestern gemacht, als sie per Spiegel mit einem Esslöffel kleine grüne Steine aus einem Behältnis in einen Becher befördern sollten. „Ich haben aus Versehen fast die Flasche ausgeschüttet“, sagt Aaliyah. „Ich weiß nicht, wie man das schaffen soll“, kommentiert ihre Schwester Ashley. Beide haben einen kleinen Eindruck davon gewonnen, wie schwierig das Leben für einen Menschen mit Demenz sein kann. „Wir können uns vorstellen, dass diese Krankheit echte Probleme macht“, sagt Ashley.

Auch Brigitte Brzeski kann sich nach dem Parcours viel besser vorstellen, was in Betroffenen vorgehen muss. „Ich kann verstehen, dass man traurig oder sogar wütend wird, wenn man bestimmte Dinge einfach nicht mehr schafft“, sagt die 63-Jährige. Der Parcours zeigt den Menschen, ziemlich deutlich, wie aus alltäglichen Tätigkeiten nicht zu bewältigende Herausforderungen werden. So ist er eine empathische Reise in die innere Welt eines Menschen mit Demenz. Ziel ist es, mehr Verständnis für Menschen mit Demenz, ihre Empfindungen und Reaktionen zu entwickeln.

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