Dinslaken: Die Burghofbühne lässt das kommunistische Känguru los

Dinslaken : Die Burghofbühne lässt das kommunistische Känguru los

Mirko Schombert inszeniert Marc-Uwe Klings "Känguru-Chroniken" als kurzweilige Polit-Revue. Junges Publikum sorgte für ausverkauftes Haus

"Det spiel ick Euch", ruft Herta und fackelt nicht lange. Ob tumber Nazi oder frustrierte Mitarbeiterin im Jobcenter, wenn eine urkomische Parodie derer, die im realen Leben weniger Anlass zu Lachen geben, gefragt ist, dreht Herta auf. Dabei ist sie selbst eine Comedy-Figur. Aber so ist das halt, wenn Klings kommunistisches Känguru in der Nähe ist: Alles wird überzeichnet, gebrochen, hinterfragt, auf den Kopf gestellt. Sogar Bühne und Publikumsraum erkannte man am Donnerstag im Tribünenhaus der Trabrennbahn kaum wieder. Die Burghofbühne feierte die Premiere von Marc-Uwe Klings "Känguru-Chroniken" unter der Regie von Mirko Schombert in einem fast traditionellen Bühnenbild und es waren Zuschauer zwischen 20 und 30 Jahren, die schon seit Wochen für ein ausverkauftes Haus gesorgt haben.

Von wegen unpolitische Jugend: Die Bühnenfassung des Roman- und Hörbuch-Bestsellers ist eine Politrevue mit pointierten Texten, karikaturhaften Feindbildern und eingängigen Songs der 20er Jahre, gepaart mit etwas Punk zwischen Spaß und Randale. Modern ist der unverkrampfte Umgang mit literarischen Anspielungen und (wirtschafts-)politischer Realität: Das Bühnenbild ist ein Mix aus Eckkneipe, Wohnzimmer und Glitzershow, nie war mehr Lametta als heute. In dieser Kulisse feiern die jüdisch-bolschewistische Weltrevolution, das Gespenst des Kommunismus und das treffsichere Einprügeln auf "Faschos" fröhliche Urständ. Modern ist allerdings auch das Differenzieren: Nicht "Nazis raus" ist die Lösung, sondern Dialog und Läuterung.

Die Dialoge folgen dabei fast wörtlich der Romanvorlage. Der Kleinkünstler (Patric Welzbacher), bei dem überraschend ein sprechendes, kommunistisches Känguru einzieht und für frischen Wind auch in den Gedanken sorgt, wurde beauftragt, ein Theaterstück über diese "Känguru-Chroniken" zu verfassen, zusammen mit dem Känguru (Julia Sylvester in silbernem Beutelkostüm), dem Musiker Jan Exner (als er selbst) und der Eckkneipenwirtin Herta (Markus Penne auf High-Heels) probt er das neue Franchise als bunte Nummernrevue in 13 Szenen.

Doch Vorsicht: Die komische Leichtigkeit trügt. Kling hält in seinen aberwitzigen "Chroniken" der Welt den Spiegel vor, die selbst absurd ist. Menschen entfremden sich in Jobs, die nicht zu ihnen passen, "du wählst selbst den Weg, wie du unglücklich werden willst". Was für den Staat, die Gesellschaft, die Wirtschaft zählt, ist allein, ob jemand produktiv ist oder nicht. Klar, dass sich das Känguru dem allen widersetzt, sich durch nichts tun und viel denken der Tretmühle bis zur Abschiebung widersetzt.

Denn die Glitzerwelt der Kneipe ist eine Seifenblase. Draußen ist eine feindliche Welt, Nachrichten dröhnen mit einem Jingle in "Neuer Deutscher Härte" aus unsichtbaren Boxen.

Die Aussage der Chroniken lässt sich mit einem einzigen Witz des Kängurus auf den Punkt bringen: "Ein Kapitalist, ein Nazi und ein Asylant sitzen vor einer Schachtel mit 12 Schnapspralinen, Nimmt sich der Kapitalist 11 davon und sagt zum Nazi: Pass auf, der Asylant nimmt Dir Deine letzte Praline weg". Besser kann man nicht überspitzen, wie derzeit in der Welt Rechtspopulismus funktioniert.

Sylvester, Welzbacher, Exner und Penne singen und spielen mit Witz und Leichtigkeit, besonders letzterer reißt mit clownesker Komik das Publikum auch zu Szenenapplaus hin. Insgesamt eine kurzweilige Revue für "Känguru"-Fans und die, die es werden wollen.

(bes)