Demo in Dinslaken für soziale Gerechtigkeit

Demo in Dinslaken : „Den Blick für Armut schärfen“

Etwa 100 Menschen haben sich am Mittwochabend an der ersten Dinslakener Demo für soziale Gerechtigkeit beteiligt. Themen waren: bezahlbarer Wohnraum, Armut von Rentnern, Alleinerziehenden, Kindern sowie Lohngerechtigkeit.

Nicht gelb, sondern orange sind die Westen der Wunderfinder an diesem Abend. Der Verein will den Eindruck der Gewaltbereitschaft der Gelbwesten-Demos in Frankreich vermeiden und friedlich, aber nicht weniger eindringlich Probleme öffentlich zur Sprache bringen, die es auch in Dinslaken gibt. Etwa 100 Menschen beteiligten sich am Mittwochabend an der ersten Dinslakener Demo für soziale Gerechtigkeit.

Bezahlbarer Wohnraum, Armut von Rentnern, Alleinerziehenden, Kindern, Lohngerechtigkeit – große Banner an einem Bauzaun auf dem Neutorplatz bringen plakativ zur Sprache, was viele Menschen sorgt. Die Besucher platzieren Kerzen vor den Plakaten, die ihre Not am ehesten ausdrücken. Es werden viele Kerzen am Ende des Abends, die meisten flackern vor dem Stichwort „Bezahlbarer Wohnraum.“ Einige Redner konnten für den Abend gewonnen werden. Sabine Kluth von der Selbsthilfegruppe für Alleinerziehende im Kreis Wesel etwa zeigt am Beispiel der fiktiven Frau Meier, Krankenpflegerin und alleinerziehende Mutter zweier Kinder, wie schnell Alleinerziehende in Armut geraten können. Steuergerechtigkeit, Kinderbetreuung auch an den Randzeiten würde helfen – der Mutter, die so den Lebensunterhalt für ihre Familie finanzieren kann anstelle ihren Job zu verlieren, und der Gesellschaft, in der Pflegekräfte benötigt werden. Frank Rutert ruft auf, beim Thema Mobbing hinzusehen. Ein Besucher ergreift das Wort: Es könne nicht sein, dass Menschen nach „jahrzehntelanger Maloche“ als Rentner dennoch arm seien.

„Obdachlosigkeit“ schreibt ein junger Mann in Großbuchstaben auf ein leeres Banner. „Mehr Hilfe“ ergänzt er noch. 34 Jahre ist er jung, drogenabhängig wie schon sein Vater, erzählt er. Nach unzähligen kalten Entzügen ist im Methadonprogramm. „Seit zehn Jahren schon“, sagt er und dass diese Zahl in selbst erschreckt. Ohne Drogen kann er nicht leben, mit bekommt er keinen Job, keine Wohnung. „Dabei habe ich Anlagenmechaniker gelernt.“

Ludger Krey, Vorsitzender der Wunderfinder, begrüßt die Besucher. Große Banner an einem Bauzaun auf dem Neutorplatz brachten zur Sprache, was viele Menschen sorgt. Foto: Arnulf Stoffel. Foto: FUNKE Foto Services/Arnulf Stoffel

„Es gibt unterschiedliche Ebenen, auf denen wir Armut bekämpfen müssen“, sagt Bürgermeister Michael Heidinger. Auf der Bundesebene etwa gehe es um die Themen Hartz IV und Renten: „Menschen, die Jahrzehnte lang gearbeitet haben, müssen am Ende ihres Berufslebens auch davon leben können, was an Rente da ist.“

Vor Ort benötige man zusätzliche „Angebote, wo Gesetze Lücken haben, wo Gesetze die Menschen nicht erreichen“. Heidinger hebt das Engagement der Wohlfahrtsverbände, der Politik und der Menschen in Dinslaken hervor – allen voran der Wunderfinder, die Bedürftige am Bahnhof unterstützen. Heidinger: „Wir müssen dahin schauen, wo die Risiken sind: Das gilt für Alleinerziehende, das gilt für Altersarmut und auch für Kinderarmut. Das ist nicht immer nur eine Frage von Ressourcen, sondern auch von Kümmern und von Infrastruktur,“ so der Bürgermeister. In Dinslaken gebe es bereits viele Angebote. „Aber das reicht noch nicht aus, wir müssen beim Thema Kinderarmut noch besser werden.“ Veranstaltungen wie der Aktionsabend auf dem Neutorplatz „können uns wachrütteln, den Blick für Armut zu schärfen und an Lösungen zu arbeiten“.

Die Veranstaltung „schreit nach Wiederholung“, bilanziert Ludger Krey, Vorsitzender der Wunderfinder, der angesichts der spontanen Aktion von dem großen Zuspruch überrascht ist. „Wir werden da dranbleiben“, verspricht er.

(aha)
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