Voerde: Daseins-Tristesse nach Samuel Beckett

Voerde: Daseins-Tristesse nach Samuel Beckett

Ein Mann kämpft sich aus einem Sack. Befreit erst den Oberkörper, dann die Beine, um sich dann von einem ritualisierten Tagesablauf gefangen nehmen zu lassen. Zähneputzen, beten, die Last des Tages schultern.

Dass er dabei über einen anderen Sack stolpert - egal. Dabei konnten die Zuschauer am Montagabend in der Aula des Gymnasiums Voerde schon ahnen, dass auch dieser Sack bewohnt war. Angestupst von einer anonymen, hinter der seitlichen Bühnenbegrenzung unsichtbar bleibenden Macht erwacht darin eine Person, die zwar ganz anders, ordentlich, eitel ist, aber auch achtlos über den anderen stolpert. Zwei Menschen, zwei Leben, aber keine Kommunikation.

Samuel Becketts "Spiel ohne Worte II", von Patryk Kozubik und Johanna Kampen mit hervorragender Körpersprache dargestellt, brachte zur Eröffnung des Beckett-Abends der Theater-AG des Gymnasiums Voerde unter der Leitung von Jörg Detmold mit sechs Einaktern gleich die Kernaussage des bedeutenden Dramatikers des 20. Jahrhunderts auf den Punkt, ohne dass ein einziges Wort gesprochen werden muss: Schaut euch das Menschenleben an. Es ist in der Wiederholung gefangen, einsam, ohne eine echte Interaktion mit dem anderen, ohne erkennbares Ziel, außer dem Werden und wieder Vergehen, und damit - sinnlos. Was in den nächsten zwei Stunden folgte, waren Variationen dieses einen Themas. Aber dies geschah so abwechslungsreich, packend, überraschend und - ja - absurd, dass es wirklich eine Freude war, dieser Daseins-Tristesse zuzuschauen.

Jörg Detmold inszenierte gewohnt streng rhythmisiert, die äußerste Disziplin seiner Theater-AG offenbarte sich an diesem Premierenabend in spannungsgeladenen Pausen und dem punktgenauen Zusammenspiel zwischen den Akteuren und dem Beleuchter. Wer wie Beckett so finster ist, dass er Sätze wie "Wir dürsten nach dem Dunklen, und je dunkler, je schlimmer" sagen lässt, setzt Bühnenspots als gnadenloses Zerren der Psyche ins grelle Licht ein. In "Spiel" von 1963 sprechen die drei in Blöcken gefangenen Protagonisten nur, wenn das Scheinwerferlicht ihre Köpfe anstrahlt. Menschen wie flackernde Kerzen voll Sehnsucht zu verlöschen: Beckett verarbeitete im "Spiel", dessen Text komplett wiederholt wird, sein eigenes, lebenslanges Dreiecksverhältnis.

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"Kommen und gehen" besteht aus nur 127 Wörtern. Drei Freundinnen können jeweils nur zu zweit über das Schicksal der dritten tratschen, gemeinsam wollen sie nur schweigend Nostalgie beschwören.

Nur nicht die schreckliche Wahrheit aussprechen. Dorin Krückens Schritte hallen wie das Ticken einer Standuhr über die Bühne. Die Frau, die sie in "Tritte" verkörpert, hat sich lange zuvor aus dem realen Leben gegrübelt. War es ein traumatisches Erlebnis im Leben oder das Leben selbst, das sie nie erfasst hat? So wie in "Tritte" die Bühne zum Schluss leer bleibt, so wird in "Atem" das ganze Leben nur als zwei körperlose Schreie und ein vorbeirasendes Licht auf die Bühne gebracht. Handlungsfähig sind höchstens die Regisseure und Diktatoren - sie formen die Protagonisten auf dieser Weltenbühne zu zitternden Standbildern (Katastrophe). Ein Gespräch in der Pause machte klar: Die Schülerinnen und Schüler von heute teilen Becketts Lebenseinstellung nicht. Aber vielleicht liegt darin seine Relevanz: Beckett stellt die Existenz in seinem Werk auf Null. Wer sich daran stößt, ist aufgefordert, das Leben selbst mit Sinn zu füllen.

Die sehenswerten (Bruch-)Stücke werden am Freitag, 29. Juni, Beginn 19.30 Uhr, ein weiteres Mal gezeigt.

(bes)
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