Voerde/Duisburg: Das Tagebuch des Nikolaus Grommes

Voerde/Duisburg: Das Tagebuch des Nikolaus Grommes

Eine Kladde voller Kriegserinnerungen, aufgeschrieben von einem 23-Jährigen, "zu einer Zeit, als die zermürbende Wirkung der Leiden noch vollständig lebendig war". Das Dinslakener Stadtarchiv will die Aufzeichnungen als Buch veröffentlichen.

Nikolaus Grommes kämpfte in Verdun. Er war Pionier der Minenwerferkompagnie Nummer 50, hat den Stellungskrieg mitgemacht, das sinnlose Töten von Graben zu Graben. "Das war so fürchterlich. Man hat so lange geschossen, bis man tot war", sagt Anna-Maria Rodenbeck. Ihr Vater hat den Ersten Weltkrieg überlebt, er wurde nicht einmal verwundet.

Links: Nikolaus Grommes in Uniform und mit Zigarre in der linken Hand. Foto: NN

Seine Fronterlebnisse hat er aufgeschrieben "zu einer Zeit, als die zermürbende Wirkung der Leiden noch vollständig lebendig war". So steht es in seinem "Kriegs-Tage-Buch 1914/18", einer dicken, linierten Kladde. Die Handschrift ist gestochen scharf, die Seiten stellenweise stockfleckig, aber nirgendwo ist auch nur der kleinste Tintenklecks zu finden. "Zum Andenken, geschrieben im Juli-August 1919 zu Duisburg-Meiderich", steht auf der zweiten Seite. Darüber hat Grommes ein Foto von sich geklebt. Es zeigt einen jungen Mann in Uniform, der mit wachem Blick in die Kamera schaut.

Nikolaus Grommes war das älteste von vier Kindern. Geboren am 2. August 1896 in Altstaden, Oberhausen. Fünf Jahre, nachdem er aus dem Krieg heimgekehrt war, heiratete er Maria Wiesehöfer, 1924 wurde seine Tochter Anna-Maria geboren. Die ist heute 89 Jahre alt und weiß nicht viel von den schrecklichen Dingen, die ihr Vater an der Front erlebt hat. "Er hatte genug von dem Grauen. Er sprach nicht viel davon." Was in seinem Kriegstagebuch steht, interessiert die alte Dame umso mehr.

Nikolaus Grommes erhält seinen Stellungsbefehl im März 1916. Zu diesem Zeitpunkt hat der Krieg bereits 18 Monate gewütet und zigtausend Tote gefordert. Der junge Soldat beginnt seine Erzählung bei der Stunde Null. Bevor er seine persönlichen Erlebnisse schildert, erzählt er die Vorgeschichte des Krieges, beginnend beim Attentat von Sarajewo. Er berichtet, dass Deutschland am 1. August 1914 zunächst Russland und zwei Tage später Frankreich den Krieg erklärte. Und beendet das erste Kapitel mit dem Tod des greisen Kaisers Franz Josef am 21. November 1916 und verweist auf dessen Nachfolger Erzherzog Karl, der den Krieg "kraftvoll weiterführte". Ein Ende des großen Sterbens war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen, weil "immer wieder neue Mord- und Verteidigungswaffen auf beiden Seiten in die Waagschale geworfen wurden", schreibt Grommes. "Immer heftiger wurde das gigantische Ringen, bis es den Zentralkräften gelang, Serbien, Montenegro und Rumänien zur Kapitulation zu bringen, um dann später auch Russland in die Knie niederzuzwingen."

Nikolaus Grommes bemüht sich, das Tagebuch zum Geschichtsbuch zu machen, indem er seine Aufzeichnungen mit Fotos illustriert: schwarz-weiße Sammelbildchen der Immalin-Werke Mettmann. Sie zeigen Kampfszenen aus dem Schützengraben, Mörser in Feuerstellung, Artilleriefeuer, detonierende Granaten, zerstörte Brücken, brennende Städte, springende Hunde, verendete Pferde, marschierende, kämpfende, verwundete und sehr viele tote Soldaten. Einige persönliche Fotos des Pioniers vom Niederrhein komplettieren den Bilderbogen.

Es sind Schlaglichter eines grausamen Krieges, an deren Ende zehn Millionen Todesopfer und etwa 20 Millionen Verwundete unter den Soldaten stehen. Die Anzahl der zivilen Opfer wird auf weitere sieben Millionen geschätzt.

Grommes überlebt das Grauen. Was seine Aufzeichnungen lesenswert macht, sind nicht allein die Geschehnisse, über die er berichtet. Es ist auch die Art, wie er schreibt. Mal ist er Chronist, mal Patriot, mal gibt er sich als Poet, der in Reimen die Opfer des Krieges beweint.

Da gibt es Schilderungen wie diese: "Die Stellung befand sich etwa 800 Meter hinter dem Fort Chapitre und La Laufée, bzw. die der Dritten auf dem Pfefferrücken. In diesem Lager griffen die vor uns liegenden Franzosen, die durch Senegal-Neger verstärkt waren, nach mehrstündigem heftigen Trommelfeuer mit sehr starken Kräften an. In dieser Stellung verblieb die Kompanie bis zum 18. November 1916. Durch die letzten Angriffe hatten wir erhebliche Abgänge an Toten, Verletzten und Gefangenen erlitten." An anderer Stelle ist von "mit deutschem Blut getränkten Trümmerfeld" die Rede, auf das "blutigrot der glühende Sonnenball am fernen Horizont seine Strahlen" wirft.

Im Schlusswort seines Tagebuchs auf Seite 285 schreibt Nikolaus Grommes: "Die Kämpfe um Verdun sind die blutigsten, aber auch die ruhmreichsten für die Minenwerfer-Kompagnie 50 bzw. die 50. Infanterie-Divison geworden."

Am Fuß der Seite klebt ein Foto, das Grommes "Ende 1918 im Felde" zeigt. Er trägt Uniform, sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen an einem Tisch und blickt ernst in die Kamera. Sein rechter Arm liegt auf der weißen Tischdecke. Daneben steht eine Vase mit Blumen.

Nikolas Grommes ist wohlbehalten aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt. Für seine militärischen Verdienste wurde er mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse ausgezeichnet. Auch den Zweiten Weltkrieg hat er unbeschadet überstanden. Am 29. August 1950 ist er im Alter von 54 Jahren in Duisburg gestorben. Seine Aufzeichnungen sind im Besitz seines Enkels Klaus Grommers aus Götterswickerhamm. Der hat es dem Dinslakener Stadtarchiv überlassen. Es gibt Überlegungen, das Manuskript als Buch zu veröffentlichen.

2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Die Rheinische Post und das Stadtarchiv Dinslaken suchen Kriegstagebücher, Dokumente, Fotos und andere Erinnerungsstücke. Klaus Grommes aus Götterswickerhamm hat uns das Tagebuch seines Großvaters zur Verfügung gestellt.

(RP)