Dinslaken Das große Brabbeln

Dinslaken · Wenn der Feuerwehrmann zweimal klingelt, heißt das noch lange nicht, dass er auch vor der Tür steht. Und wenn ein Theaterstück "Die kahle Sängerin" heißt, bedeutet das nicht, dass die Dame auch auftritt. Die Burghofbühne hat Ionescos Anti-Stück wiederbelebt. Am 20. März ist Premiere.

Sechs Stühle, zwei Paare, ein Dienstmädchen und ein Feuerwehrmann. Das reicht, um 70 Minuten Spaß zu haben, sagt Thorsten Weckherlin, und die Darsteller nicken. Sie sitzen im Halbkreis auf der Probebühne im Tenterhof und quatschen dummes Zeug. Das Ehepaar Smith (Martina Mann und Michael Gabel) ist zu Besuch beim Ehepaar Martin (Iris Kunz und Leif Scheele). Gastgeber und Gäste reden aneinander vorbei, tauschen Belanglosigkeiten und inhaltsleere Phrasen aus. Kurz: Sie unterhalten sich, ohne einander etwas zu sagen.

"Tragödie der Sprache"

Ein mühsamer Dialog ist das. Einer, der befremdet und uns doch so bekannt vorkommt. Ionescos Kritik an bürgerlichen Leerformeln und hohlem Alltagsgesabbel findet heute seine Vollendung im Boutiquendeutsch der Nachmittagstalkshows und dem Phrasengeplapper der Politiker. Was der rumänische Autor eine "Tragödie der Sprache" nannte, die hohle Floskeln und abgestumpfte Konversation karikiert, gilt heute als Klassiker des absurden Theaters. Das Stück ist zeitlos. Dass es knapp 60 Jahre nach der Uraufführung besser funktioniert denn je, liegt ganz einfach daran, dass die Menschen noch nie so mobil, grenzenlos und permanent aufeinander eingebrabbelt haben wie heute.

Für Weckherlin wie auch die Darsteller ist "Die kahle Sängerin" eine Herausforderung. Die Pausen in den Texten zu ertragen, die Sprachlosigkeit der Figuren zuzulassen, die Absurditäten als solche hinzunehmen, ohne dem Drang zu folgen, sie zu deuten, das alles ist "teils nervig, teils anstrengend", gibt der Regisseur zu. Dem Drang, Ionescos Parabel von der Beziehungslosigkeit zu reanimieren, konnte Weckherlin dennoch nicht widerstehen. In den 80er Jahren sei das Stück an den Schulen "rauf und runtergespielt worden" worden, erzählt er. Dass auch große Theater wie etwa das Schauspielhaus Bochum jetzt erneut an der "kahlen Sängerin" Gefallen finden, muss damit zusammenhängen, dass selten mit so großem rhetorischen Aufwand ein solches Minimum an Sinn produziert wurde wie in diesem Stück. Die Pariser steh'n drauf. Uraufgeführt 1950, wird "Die kahle Sängerin" seit 1957 am Théâtre de la Huchette in Paris sechsmal in der Woche ununterbrochen gespielt. Bis heute 16 300 Mal.

"Die gleiche Frisur"

Vielleicht vertraut die Burghofbühne auch deshalb auf die Übersetzung des Originaltextes aus dem Französischen. Und das Ende? "Das ist noch völlig offen", sagt Thorsten Weckherlin. "Wahrscheinlich endet es damit, dass alles wieder von vorn losgeht. Ich bin gespannt, wie das Publikum reagiert. Vielleicht fragen sich die Zuschauer: Sind die noch ganz dicht?" Was die kahle Sängerin dazu sagen würde, bleibt ein Geheimnis. Der Zuschauer erfährt über die mysteriöse Dame nur eines: "Sie trägt noch immer die gleiche Frisur."

Premiere: Freitag, 20. März, 20 Uhr, Kathrin-Türks-Halle, Dinslaken, Karten im Bürgerbüro (16 Euro plus Vorverkaufs-Gebühr), Abendkasse: 19 Euro. im Bürger

(RP)