Chance auf Ausbildung im Kreis Wesel besser denn je

Serie Ausbildungsinitiative : Chance auf Ausbildung besser denn je

1369 offene Stellen gibt es noch im Kreis Wesel. Die Aussicht, eine Lehrstelle zu bekommen und im Handwerk später sogar den Betrieb zu übernehmen, war lange nicht mehr so gut.

Die Schere zwischen Lehrstellen und Bewerbern schließt sich. Immer weniger junge Menschen streben nach einem Ausbildungsplatz, während Betriebe zunehmend Nachwuchs brauchen. „So gut für die Jugendlichen war der Ausbildungsmarkt seit einer Ewigkeit nicht mehr“, sagt Markus Brandenbusch. Er ist Bereichsleiter für die Berufsberatung bei der Agentur für Arbeit in Wesel. Ende April suchten im Kreis 1453 Jugendliche nach einer Lehrstelle, 1369 Stellen waren noch unbesetzt. Damit wächst die Bereitschaft der Betriebe, auch Bewerbern, die nicht alle Anforderungen erfüllen, eine Chance zu geben.

„Es kommen mehrere Entwicklungen zusammen“, sagt Brandenbusch. Weniger Bewerber gebe es zum einen wegen der demographischen Entwicklung – es kommen weniger junge Menschen nach. Davon gehen immer mehr ins Studium. Das sei nicht unbedingt der bessere Weg. „Früher war das immer eine feste Gleichung: Je höher ich mich qualifiziere, desto geringer das Risiko arbeitslos zu werden und desto mehr Geld kann ich verdienen.“ Das möge heute noch stimmen, werde aber in Zukunft wegen des Bedarfs nach mehr Facharbeitern nicht mehr zutreffen, so Brandenbusch.

Dazu kommt, dass Jugendliche, die direkt nach der Schule arbeiten wollen, heute lieber direkt eine Stelle antreten. Damit verdiene man schneller Geld als mit einer Ausbildung. „Auf der anderen Seite kommt noch dazu, dass Betriebe anfangen zu erkennen – ‚Da gehen viele in Rente, wir brauchen Nachwuchs’“, sagt Brandenbusch. Für Jugendliche, die nach einer Lehrstelle suchen eine durchaus positive Entwicklung. Allerdings: „Der Ausbildungsmarkt ist keine Mathematik – das Problem ist, Bewerber und Betriebe zusammenzukriegen.“

Ein Defizit der Bewerber sei die fehlende Offenheit für Neues, sagt Annette Grüttgen von der Berufsberatung der Agentur für Arbeit. „Es ist oft eine Hemmschwelle da bei den Jugendlichen, sich auf was Fremdes einzulassen“, sagt sie. Sie würden sich häufig bei Betrieben bewerben, die sie selbst oder ihre Eltern kennen. Diese Scheu gebe es auch bei der Berufswahl. Manche seien nicht so bekannt, etwa der Verfassungsmechaniker für Kunststoff- und Verfassungstechnik. „Das ist schon von der Begrifflichkeit nicht griffig, kann aber eine gute Alternative zur Tischlelehre sein“, so Grüttgen. Die Berufsberaterin spricht Bewerbern daher Mut zu, sich auf Fremdes einzulassen. Auch wenn die Noten vielleicht nicht die besten sind.

„Zum Glück wird nicht nur auf das Zeugnis geschielt, sondern auch auf andere Talente“, sagt Grüttgen. Auch handwerkliches Geschick, hohe soziale Kompetenz und gutes Durchhaltevermögen seien ganz wichtige Punkte.

Im handwerklichen Bereich haben Jugendliche auch gute Zukunftsperspektiven, sagt Brandenbusch: „Wer im Handwerk clever ist und eine gute Ausbildung macht, hat nachher gute Chancen, den Betrieb zu übernehmen – dort suchen viele Nachfolger.“ Das gelte auch für scheinbar unattraktive Berufe wie Bäcker. Wer noch unversorgt ist, soll nicht aufgeben, sagt der Experte. „Es sind auch für dieses Jahr noch ganz viele Chancen drin. Der Markt ist immer in Bewegung.“

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