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Caritas und VdK kooperieren und schulen ehrenamtliche Begleiter

Herausforderungen der Pflege : Caritas und VdK starten gemeinsamen Modellversuch

Die beiden Verbände kooperieren bei der Schulung ehrenamtlicher Begleiter. Ein Jahr lang werden bei diesem Projekt Erfahrungen gesammelt.

Eine gute und lange Tradition in der Zusammenarbeit verbindet den VdK-Kreisverband am Niederrhein und die Caritas für die Dekanate Wesel und Dinslaken. Gemeinsam haben sie nun ein neues Projekt aus der Taufe gehoben. Sie schulen Mitglieder aus den Reihen des VdK, die künftig als ehrenamtliche Begleiter dabei sein sollen, wenn der Medizinische Dienst jemandem, der Leistungen aus der Pflegeversicherung in Anspruch nehmen möchte, einen Erstbesuch abstattet. Die Teilnehmer dieser Schulung, die erstmalig am Mittwoch in der Caritaszentrale in Friedrichsfeld stattfand, erhielten Basisinformationen zur Begutachtung und sollen die Betroffenen durch „moralische Unterstützung“ stärken, wie Caritasdirektor Michael van Meerbeck sagt.

Die Pflege wird nach Aussage von Horst Vöge. Vorsitzender des VdK-Kreisverbandes am Niederrhein, immer wichtiger. Sein Verband vertritt die Mitglieder, wenn es in Sachen Pflegeeinstufung zu Rechtsstreitigkeiten kommt. Damit nicht jeder Fall vor dem Sozialgericht endet, hält Vöge es für wünschenswert, wenn der VdK von Anfang an dabei ist, wenn Mitglieder zur Ermittlung des Pflegegrades vom Medizinischen Dienst begutachtet werden. „Hier können die ehrenamtlicher Begleiter tätig werden“, so Vöge. Denn immer wieder kommt es vor, dass nach einer Begutachtung Betroffene Widerspruch gegen das Ergebnis einlegen und dann der Klageweg beschritten wird. Dies könnte möglicherweise verhindert werden, wenn beim Erstbesuch des Medizinischen Dienstes ein ehrenamtlicher Begleiter hinzugezogen wird. Allein in diesem Jahr kümmert sich der VdK schon um 180 neue Widerspruchs- und Klagefälle hinsichtlich der Ermittlung der Pflegestufe, wie VdK-Geschäftsführerin und Juristin Svenja Weuster berichtet. Zum Vergleich: im gesamten Jahr 2019 gab es weniger als 100 solcher Fälle beim VdK.

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Die Ursachen für Widersprüche gegen die Einstufung können viele Gründe haben. Svenja Weuster weiß, dass Senioren bei der Begutachtung sich oftmals scheuen, die Wahrheit zu sagen, wenn sie beispielsweise gefragt werden, ob sie inkontinent sind und ob sie Hilfe benötigen. „Eine ehrenamtliche Begleiterin oder ein ehrenamtlicher Begleiter kann als moralische Unterstützung dazu beitragen, dass die Betroffenen ehrlich antworten“, so die VdK-Gerschäftsführerin. Dadurch könnte frühzeitig etwas Positives für die VdK-Mitglieder erreicht und weniger Widerspruchs- und Klageverfahren notwendig werden. In der Regel dauert ein Widerspruchsverfahren zehn Monate, bis über eine Klage entschieden ist, vergehen 24 bis 30 Monate.

Die Schulung ehrenamtlicher Begleiter, die erstmals in Kooperation mit der Caritas stattfindet, ist nach den Worten von Horst Vöge ein Modellversuch. Ein Jahr lang sollen nun Erfahrungen gesammelt werden. Fallen diese positiv aus, dann ist daran gedacht, diese Schulungen auch für Duisburg und den Bereich Kleve anzubieten

Wichtig sind dem VdK und der Caritas, dass die pflegenden Angehörigen, mehr Unterstützung erhalten. Aktuell, so die Zahlen des VdK, gibt es im Kreis Wesel 31.485 Menschen, die gepflegt werden müssen. Bis zum Jahresende werde deren Anzahl auf rund 35.000 ansteigen. Etwa 82 Prozent von ihnen würden zu Hause gepflegt, davon wiederum über 50 Prozent von Angehörigen. Befragungen der pflegenden Angehörigen hätten ergeben, dass sich jeder Dritte von ihnen überfordert fühle, sowohl psychisch also auch körperlich. „Die häusliche Pflege durch pflegende Angehörige ist ein Stiefkind der Politik“, sagt Horst Vöge, „sie darf nicht zum Luxusgut in unserer Gesellschaft pervertieren.“ Nach seiner Aussage würden allein im Kreis Wesel rund 120 Millionen Euro an Mehrkosten anfallen, wenn die Pflege, die von Angehörigen geschultert wird, von Profipflegekräften übernommen wird. Dafür wären dann allerdings 3500 neue hauptamtliche Pflegekräfte erforderlich. Eine Entlastung bei der häuslichen Pflege durch Fachkräfte sei nicht in Sicht, da es dieses Personal einfach nicht gebe.

Nach Einschätzung von Caritasdirektor Michael van Meerbeck wirkt sich die Armut in der Gesellschaft, die seit dem Ukraine-Krieg weiter ansteige, auch auf die häusliche Pflege aus. Angehörige könnten die Pflege ihrer Familienmitglieder nicht mehr finanzieren, weil sie selbst ihren Alltag nicht mehr finanzieren könnten. Zudem berichtet er von Fällen, dass Menschen, die Mahlzeiten bei der Caritas bestellen, damit tageweise aussetzen würden, weil ihnen das Geld fehle. Vöge kennt VdK-Mitglieder, die von Existenzsorgen geplagt werden, die sich ungerecht behandelt fühlen und mit dem Geld nicht auskommen. „Wir brauchen eine Politik, die sich dem Menschen zuwendet“, fordert Michael van Meerbeck.