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Dinslaken: Bundesverdienstkreuz für Anne Prior

Dinslaken : Bundesverdienstkreuz für Anne Prior

Der Bundespräsident zeichnet die Buchhändlerin und Vorsitzende des Vereins Stolpersteine für ihre Forschung zu den Opfern des Nationalsozialismus in Dinslaken aus.

Die Stolpersteine, die an vielen Stellen in Dinslaken an die Opfer der Nazis erinnern, sind nur das sichtbare Zeichen ihres Engagements: Seit Jahrzehnten erforscht Anne Prior die Schicksale der Dinslakener Juden, macht ihre Geschichte öffentlich: Zwei Bücher und unzählige Aufsätze - viele davon in der Rheinischen Post veröffentlicht - hat sie geschrieben, sie hält Vorträge in Bildungseinrichtungen, arbeitet mit Schulen, hat den Verein "Stolpersteine für Dinslaken" initiiert: Nun verleiht der Bundespräsident der Dinslakenerin das Bundesverdienstkreuz.

Von den Schicksalen der Kinder des jüdischen Waisenhauses in der Innenstadt etwa waren nur die städtischen Meldekarten geblieben. Bis Anne Prior die Lebenswege mit viel Akribie nachverfolgte - im Bundes-, bei Landes- und Regionalarchiven etwa, beim Internationalen Suchdienst, bei den Gedenkstätten in Deutschland und im Ausland, in der Opferdatei von Yad Vashem.

Sie ordnete und ordnet den Namen auf den Meldekarten wieder Gesichter und Leben zu. Das gehört zu den großen Stärken der Forschung Anne Priors. Sie macht die einzelnen Schicksale der Menschen sichtbar. Elfriede Ingenkamp etwa, die mit einem Kindertransport in die Niederlande gebracht wurde und im Mai 1945 vermutlich von einer verirrten Kugel tödlich getroffen wurde. Oder Leo Friedländer, dessen Eltern 1929 bei einem Gasunfall im eigenen Haus verunglückten und der dann ins Dinslakener Waisenhaus kam. Sein Stolperstein soll in diesem Jahr, 80 Jahre nach den Pogromen, verlegt werden.

Die Ehrung für Anne Prior ist auch eine Anerkennung für ihren steten Kampf gegen das Wegsehen. Denn das haben ihre Recherchen deutlich gemacht. verantwortlich waren nicht nur die Nationalsozialisten, sondern auch die, die geschwiegen, die weggesehen haben. Bezeichnenderweise waren Auslöser für ihre Forschungsarbeit, die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen. Als dort 1992 ein Plattenbau brennt, der Mob Asylsuchende verprügelt, während Anwohner Beifall klatschen, Behörden stillhalten und all zu viele wieder einfach wegsehen, ruft das bei der Buchhändlerin Erinnerungen an Bilder aus Dinslaken im November 1938 wach, und sie beginnt Akten zu wälzen, sich durch Archive zu wühlen aufzudecken, Tätern nachzuspüren und die Namen der Opfer von damals beim Namen zu nennen.

Als der Anruf kam, dass der Bundespräsident ihr die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, so der offizielle Titel, verliehen habe, war die 62-Jährige erst einmal sprachlos. "Unfassbar" sei das, sagt sie, "eine unglaubliche Anerkennung für meine Arbeit", die ihr "viel Freude und Auftrieb für Kommendes" gebe. Aktuell beschäftigt sich Anne Prior mit der so genannten "Polenaktion", dem Vorläufer des November-Pogroms sowie dem Ausstellungsprojekt "80 Jahre Kindertransporte aus dem Rheinland und Westfalen" des Lern- und Gedenkortes Jawne in Köln. Zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes möchte der Großneffe von Leo Friedländer aus Israel nach Dinslaken kommen. Der Zentralrat der Juden unterstützt die Verleihung ausdrücklich.

Heinrich Friedrich Heselmann, stellvertretender Landrat des Kreises Wesel, wird die Ordensinsignien am Mittwoch, 31. Januar, im Dinslakener Rathaus überreichen.

(aha/jöw)