Buchkolumne: Martin Walsers poetische Lebensbilanz

Buchkolumne : Walsers poetische Lebensbilanz

Martin Walser, Jahrgang 1927, ist auch noch im hohen Alter ein Schriftsteller von erstaunlicher Virtuosität und großer Produktivität. Nur wenige Monate nach seinem letzten Roman „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“ erscheint „Spätdienst“, eine Sammlung von poetischen Miniaturen: von Aphorismen, Reflexionen, Notizen zum Tage und Gedichten aus den letzten Lebensjahrzehnten des Schriftstellers.

Walser zieht hier eine durch und durch melancholische Lebensbilanz, erweist sich aber auch noch im Herbst seines Lebens als überaus streitbarer Geist.

Die Prosa-Miniaturen des Bandes, gesetzt wie Gedichte und durch zarte Vignetten (gezeichnet von Alissa Walser) zu Gruppen geordnet, weisen vielfältige Themen und Formen auf. Da sind die Klagen über Alter und Vergänglichkeit („Das Sterben hat jetzt angefangen“), aber auch über die Vereinsamung im Alter („So einsam, wie ich bin, möchte ich nicht sein“).

Daneben finden sich Klagen über die vielen Fehl-Urteile der Rezensenten und über die schiefen Bilder, die von ihm in der Öffentlichkeit kursieren, Klagen aber auch über seine eigene Verletzlichkeit: „Ich möchte mich nicht mehr wehren müssen“, schreibt Walser, müde der vielen Missverständnisse und Fehleinschätzungen seiner Bücher und Reden. Daneben finden sich zarte Liebesgedichte, Zeit- und Gesellschaftskritisches, aber auch ironisch-spielerische Selbstreflexionen und Eulenspiegeleien.

Auch wenn man schmerzlich eine zeitliche Zuordnung der Texte vermisst , an der man so etwas wie eine künstlerische oder geistige Entwicklung ablesen könnte, werden nicht nur Walser –Fans begeistert sein von der poetischen Dichte und sprachlichen Qualität vieler Passagen und Formulierungen. Nicht zuletzt beeindruckt aber auch die Ehrlichkeit, mit der dieser Schriftsteller auf sein Leben und sein Schreiben zurückblickt.

Martin Walser: Spätdienst. Das Buch ist erschienen im Rowohlt Verlag, Reinbek 2018.

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