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Buchempfehlung in der Rheinischen Post: Haarmann. Ein Kriminalroman

Neu in der Stadtbibliothek : Buchtipp: Der Fall Fritz Haarmann

Der Autor Dirk Kurbjuweit liefert in seinem jüngsten Roman „Haarmann“ historische Fakten in einer fiktiven Rahmenhandlung. Sein Stoff: Einer der bekanntesten Kriminalfälle des frühen 20. Jahrhunderts.

Die 1920er Jahre sind spätestens seit der spektakulären Fernseh-Serie „Babylon Berlin“ zu einem aktuellen Vergleichshorizont für die 2020er Jahre geworden. Der bekannte Journalist („Der Spiegel“, „Die Zeit“) und erfolgreiche Schriftsteller Dirk Kurbjuweit greift in seinem jüngsten Roman „Haarmann“ den wohl bekanntesten und brutalsten Kriminalfall der 1920er Jahre auf: die bestialische Ermordung und Zerstückelung von mindestens 24 Jungs und jungen Männern durch den Serienmörder Fritz Haarmann in Hannover, zwischen 1918 und 1924.

In seinem spannend erzählten Kriminalroman verknüpft Kurbjuweit die quellenmäßig gesicherten Fakten mit einer fiktiven Rahmenhandlung und setzt den (erfundenen) Kriminalkommissar Robert Lahnstein auf die Spur des Serienmörders. Lahnstein, als Sozialdemokrat aus dem Ruhrgebiet ein Außenseiter in der Hannoveraner Polizeibehörde, ist von Februar bis Oktober 1923 mit nicht weniger als zehn Fällen spurlos verschwundener Jungen konfrontiert und hat schon früh den homosexuellen Klein-Händler und Polizei-Spitzel Fritz Haarmann in Verdacht. Gegen viele Widerstände, auch aus dem Polizeipräsidium, ermittelt er hartnäckig, trägt geduldig Indizien und Zeugenaussagen gegen Haarmann zusammen und kann ihm auch noch ein Geständnis abringen – wenn auch auf rechtsstaatlich fragwürdige Weise.

Die besondere Qualität des ebenso ungewöhnlich wie spannend erzählten Kriminalromans macht es aus, dass Kurbjuweit die mühsame Suche und Überführung Haarmanns ausweitet zu einem plastischen Gesellschaftsbild der frühen 20er Jahre, das beklemmende Parallelen zu den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts aufweist. Dabei geht es auch um die Glaubwürdigkeit des Rechtsstaates und um die Frage, ob die Demokratie die Sicherheit ihrer Bürger auch in Extrem-Situationen gewährleisten kann. Anders als heute waren die Deutschen der frühen 1920er-Jahren aber so sehr von Krieg, Hunger und Elend traumatisiert und moralisch abgestumpft, dass die Verbrechen um sie herum kaum noch Beachtung fanden – und so auch Haarmann so lange unentdeckt seine bestialischen Morde begehen konnte. Ein historischer Krimi der Sonderklasse.

Dirk Kurbjuweit: Haarmann. Ein Kriminalroman, Penguin Verlag, München 2020