Voerde/Dinslaken.: Betuwe: Widerstand gegen die "Billigvariante"

Voerde/Dinslaken.: Betuwe: Widerstand gegen die "Billigvariante"

Die Bürgerinitiativen fordern beim Informationsabend zur neuen Betuwe-Strecke in Voerde die gleichen Lärm- und Sicherheitsstandards wie in den Niederlanden.

Am Ende dieses Abends war der Landrat des Kreises Wesel zufrieden, der Verband der Bürgerinitiativen entlang der Betuwe-Linie war verärgert und die Besucher waren verblüfft - verblüfft darüber, was anderenorts entlang der Betuwestrecke möglich ist. Der Kreis Wesel hatte auf Antrag der Arbeitsgruppe Betuwe - in der die Anrainerkommunen Dinslaken, Voerde, Wesel, Hamminkeln, Rees, Emmerich und Oberhausen vertreten sind - zum Informationsabend über den Betuwe-Abschnitt Emmerich - Oberhausen in die Aula des Gymnasiums Voerde eingeladen. Etwa 200 Besucher waren gekommen - darunter Vertreter aller Bürgerinitiativen entlang der Betuwe-Strecke, die Landräte der Kreise Wesel und Kleve, Bürgermeister, Bundes- und Landtagsabgeordnete sowie Stefan Ventzke, Projektleiter der Bahn.

Dabei mussten die Zuhörer feststellen, dass nicht nur die Sicherheitsvorkehrungen an der 160 Kilometer langen Betuwe-Strecke in den Niederlanden "in einer anderen Liga" spielen, wie Gerd Auschrat, Leiter der Feuerwehr Oberhausen, formulierte, sondern dass dies auch für den Lärmschutz an der Rheintalbahn zwischen Offenburg und Basel und etwas weiter auf dem 1300 Kilometer-Bahnkorridor zwischen Rotterdam und Genua zutrifft.

Christian Felix Hendel (l.) aus Voerde und Gert Bork, Sprecher des Verbands der Bürgerinitiativen, waren von dem Abend enttäuscht. Foto: Gerd Hermann

Werner Hoffmann, früherer Abteilungspräsident des Regierungspräsidiums Freiburg, berichtete den Zuhörern, wie er es geschafft hat, die Ziele seiner Region bei der Planung der Strecke maßgeblich durchzusetzen. Die viergleisige, 110 Kilometer lange Strecke sollte mitten durch Offenburg führen. "Wir weigern uns, das zu erörtern, das ist nicht planfeststellungsfähig", hat das Regierungspräsidium die Bahn wissen lassen. Und zum Umplanen bewegt. Der Ausbau kostet nun neun statt drei Milliarden Euro, allein zwei Milliarden zusätzlich wurden in den Lärmschutz investiert. Zum Vergleich: der Ausbau der gesamten 73 Kilometer zwischen Emmerich und Oberhausen kostet 1,5 Milliarden Euro. Ein großer Teil der Strecke wurde neben die Autobahn verlegt, in Offenburg - wo 2339 Wohneinheiten betroffen sind - wird sie durch einen Tunnel führen.

Dazu gibt es "Vollschutz", Lärmschutzwände mit Halb-Überdachung also, der Schienenbonus fällt weg, der der Bahn erlaubt, mehr Lärm zu machen.

"Durchgehenden Lärmschutz" forderte so auch der Voerder Beigeordnete Wilfried Limke für die Anliegerkommunen der Bahnstrecke - aktiven Lärmschutz passiver sei "keine Alternative" - und erntete spontanen Applaus. Man müsse über eine Gestaltung der Aluwände nachdenken - durch transparente Einsätze - und über Alternativen: Gabionen oder Lärmschutzwälle. Limke: "Wir wollen nicht nur die Billigvariante." Die niederländischen Standards an der bereits 2007 fertiggestellten Strecke erläuterte Robert Polmann, Leiter der Feuerwehr Gelderland-Midden: 80 Prozent der Strecke verlaufen neben der Autobahn, meist auf Straßenniveau, fünf vollüberwachte Tunnel, keine geteilten Straßen, Zugangstüren alle 100 Meter, alle 200 Meter Hydranten, Erdungsschalter.

Am Ende des Abends stand ein Statement. Unter dem Titel "Wir sind es wert" verpflichten sich die Unterzeichner zum gemeinsamen Einsatz für den Schutz der Region vor "Lärm, Erschütterung, Zerschneidung und Sicherheitsrisiken". Damit, so Landrat Dr. Ansgar Müller, sei "der Schulterschluss der Region zum Ausdruck gekommen".

Das sahen die Bürgerinitiativen, die die Veranstaltung angeregt hatten, ganz anders: "Nichtssagend" sei das Statement, die Lärm- und Sicherheitslösungen "billiggerechnet". Die Initiativen fordern "menschenwürdigen, aktiven Lärmschutz ohne Lücken und Sicherheit auf dem Niveau der in den Niederlanden realisierten Standards".

(RP)