Unsere Woche: Auf so manches Vorzeigeprojekt ließe sich verzichten

Unsere Woche : Auf so manches Vorzeigeprojekt ließe sich verzichten

Warum der klug handelnde Politiker bei seinen Entscheidungen auch immer das Ende mitdenken sollte, und warum es keinen Sinn macht, ein neues Archiv zu bauen und dann am Personal sparen zu wollen.

Quidquid agis, prudenter agas et respice finem. Weil's in diesem Kommentar um hohes Kulturgut geht, sei's ausnahmsweise mal gestattet, auf - zugegeben nur noch rudimentär vorhandene - Lateinkenntnisse zurückzugreifen. Blöd waren sie jedenfalls nicht die ollen Römer, die sich dieses Idioms bedienten, und so mancher Spruch, den wir im Lateinunterricht eingebläut bekommen haben, ist wirklich merkenswert.

Also: Was immer du tust, handele klug und bedenke das Ende. Das, bitteschön, sollte sich jeder hinter die Ohren schreiben. Politiker im Besonderen. Und Dinslakener Politiker im ganz Speziellen. Sonst könnten sie am Ende ziemlich dumm dastehen.

Erinnern wir uns zum Beispiel mal an die elend lange Diskussion um den Neubau eines Stadtarchivs. Der wurde von Dinslakens Politik immer unter einer unverrückbaren Prämisse geführt, die da lautete: Das Stadtarchiv gehört ins Zentrum, weil's leicht erreichbar und zugänglich sein sollte, womit dann allerdings von vorneherein womöglich preiswerte Neubau-Lösungen an der Peripherie ausgeschlossen waren. Aber darüber mochten Dinslakens Politiker nicht mit sich reden lassen. Dabei gibt's ja durchaus berechtigte Zweifel - an dieser Stelle waren sie öfter zu lesen - ob die zentrale Lage für ein Archiv, das die Besucher erfahrungsgemäß ja nun nicht in Scharen anlockt, tatsächliche eine unabdingbare Bedingung ist.

Aber gut - die Debatte ist anders gelaufen. Die SPD brachte noch das Stichwort vom "Stadthistorischen Zentrum", das das neue Archiv gemeinsam mit dem Museum werden sollte, ins Gespräch, und dann kam der damals frisch im Amt befindliche Baudezernent mit einem halbwegs preisgünstigen Vorschlag um die Ecke, und der Drops war endgültig gelutscht. Jetzt ist das neue Archivgebäude fast bezugsfertig und die hochfahrenden Träume der Politik könnten in Erfüllung gehen. Und ausgerechnet jetzt soll angesichts der finanziellen Ebbe in der Stadtkasse der Vertrag einer erfahrenen, eingearbeiteten Fachkraft nicht mehr verlängert und ihre Stelle abgeschafft werden. Ja, geht's noch?

Wenn's überhaupt eine Chance gibt, dass das neue Archiv so genutzt wird, wie es diejenigen, die so sehr darum gekämpft haben, es immer behauptet haben, dann doch nur, wenn die, die ins Archiv kommen, dort auch sachkundig betreut werden. Dazu braucht's hinreichend Personal. Das hätten alle Politiker wissen müssen. Und deswegen dürften sie es eigentlich auch nicht zulassen, dass die Stelle gestrichen wird.

Blöd ist nur, dass die Investition in Menschen und ihre Arbeit nicht so viel hermacht. Mit Investitionen in Steine lässt sich da viel eher glänzen. Wer baut, kann Richtfeste feiern und Einweihungen, schafft Sichtbares und hinterlässt Fassbares. Vielleicht ist das ja der tiefere Grund, warum Politiker - nicht nur Dinslakener - so schnell die Hand heben, wenn es darum geht, mehr oder weniger sinnvolle Großprojekte auf den Weg zubringen.

Dabei wäre es dringend geboten, sich einmal intensiver Gedanken zu machen, ob das ein oder andere Vorzeigeprojekt nicht doch verzichtbar wäre und ob nicht allen viel mehr geholfen wäre, wenn das Geld, das dann eingespart würde, in die Beschäftigung von Menschen gesteckt würde, die sinnvolle Arbeit leisten. Der Trend läuft leider gerade genau anders herum.

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende.

JÖRG WERNER

(RP)