Antje Reichow wird Pfarrerin in der JVA Dinslaken

Pfarrerin Antje Reichow : Neue Aufgabe ist für sie ein Geschenk

Zum Ende ihres Berufslebens ist Antje Reichow neue Pfarrerin in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Dinslaken. Die 61-Jährige kommt nach vielen Seelsorge-Stationen an den Niederrhein zurück.

„Es gibt für mich beruflich einen roten Faden. Mich hat immer interessiert, was die Menschen bewegt“, sagt Pfarrerin Antje Reichow. „Jetzt hat sich der Kreis geschlossen. Meine neue Aufgabe ist ein Geschenk zum Ende meines Berufslebens.“ Offiziell seit Oktober ist Antje Reichow die neue evangelische Seelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Dinslaken und in der Untersuchungshaft für etwa 70 bis 80 Frauen, die noch auf ihr Urteil warten, eingesetzt. Auf der jüngsten Kreissynode des Evangelischen Kirchenkreises wurde sie im Rahmen eines Gottesdienstes in ihr Amt eingeführt.

Die 61-jährige gebürtige Dinslakenerin, die aus einer Bergarbeiterfamilie stammt, wohnt noch in Oberhausen, wo sie zuletzt als Pfarrerin mit besonderem Auftrag ein Jahr im Team der Christusgemeinde mitarbeitete – mit Schwerpunkt Frauen- und Erwachsenenarbeit. Ihre berufliche Laufbahn begann Antje Reichow als Vikarin in Lohberg, es folgte eine Tätigkeit als Pastorin zur Anstellung und im Sonderdienst in Hünxe. Ihre erste eigene Pfarrerinnen-Stelle bekam sie in Duisburg-Neudorf-West.

Im Jahr 2001 folgte ein tiefer Einschnitt, denn Antje Reichow trat zum 1. September eine Stelle als Seelsorgerin am Düsseldorfer Flughafen an – von der Gemeindearbeit in ein „Funktionspfarramt“, wie es fachlich korrekt heißt. Zehn Tage später gab es die Anschläge vom 11. September: gestrandete Reisende und Menschen, denen in verzweifelter Lage geholfen werden musste. „Alles, was in der Welt passiert, wirkt sich auch auf das Geschehen am Flughafen aus“, sagt die Pfarrerin, die auch die Folgen der verheerenden Tsunami-Katastrophe 2004 in Südostasien während ihrer Flughafen-Tätigkeit direkt miterlebte und in jenen Tagen vielen internationalen Reisenden beistand.

Nach Düsseldorf schloss sich eine Stelle als psychosoziale Beraterin für Führungskräfte und Mitarbeiter am Flughafen in München an, gefolgt von einer Tätigkeit als Pfarrerin im Team der Ökumenischen Telefonseelsorge Mittelrhein in Koblenz.

Es sei ein „gutes Gefühl, wieder nach Hause zu kommen“, denn sie liebe die Menschen im Ruhrgebiet und am Niederrhein, sagt Antje Reichow. Schon auf der Synode habe sie sich „nicht fremd“ gefühlt und viele alte Bekannte getroffen. Mit ihrer neuen Aufgabe in der JVA, dem täglichen Umgang mit Brüchen und verschiedenen Biografien („vor Gott sind alle Menschen gleich“), sei ihre Tätigkeit „noch erfüllter, als sie schon vorher war. Mein Herz ist hier“.

Das Gebäude an der Bismarckstraße mit angrenzendem Stadtpark kennt Antje Reichow seit ihrer Schulzeit am Ernst-Barlach-Gymnasium. „Gegenüber im Lehrschwimmbecken habe ich das Schwimmen gelernt.“ Ihre kreativen Hobbys – Zeichnen, Malen und Steinbildhauen – könne sie gut einbringen bei ihrer facettenreichen Arbeit mit Frauen in der JVA, „das hilft ihnen und mir“. Auch allen Kulturen und Religionen sei sie aufgeschlossen, das komme von ihrer Arbeit am Flughafen.

Alle 14 Tage hält Antje Reichow einen Gottesdienst in der Kapelle der JVA, im wöchentlichen Wechsel mit ihrer katholischen Kollegin. Derzeit übt sie dafür mit den Frauen in einem Workshop Gospels ein. Anschließend gebe es ein Kirchencafé – mit Pappbechern für Kaffee und Tee samt Gebäck. Viele der Inhaftierten, teilweise mit Freiheitsersatzstrafen („manche konnten ihre Rechnungen nicht bezahlen“), hätten Familie und Kinder. „Meine Aufgabe ist es, sie emotional zu stabilisieren, ihre Krisen zu erkennen und sie durch den Dschungel zu führen“, sagt die Pfarrerin. „Auch denen gehört mein Herz.“

Ihr Steinbildhauer-Kurs im Sommer in einem Kloster habe ihren Blick auf die Welt verändert. „Ich habe einen Stein geklopft und geformt, Frauen sind darauf angedeutet, ein Hauch von Gottes Ebenbildlichkeit ist so erkennbar“, sagt Antje Reichow über ihr ethisch-theologisches Verständnis. „Mein Weg, Erlebtes zu verarbeiten.“ Einen ähnlichen Kurs möchte sie auch einmal in der Justizvollzugsanstalt Dinslaken anbieten.

(P.N.)