Interview: Bernd Holtkamp: "Alle Menschen brauchen Vorbilder"

Interview: Bernd Holtkamp: "Alle Menschen brauchen Vorbilder"

Der Kaplan der Sankt-Vincentius-Gemeinde spricht darüber, welche Bedeutung Heilige für unseren Alltag haben.

Herr Kaplan, die katholische Kirche feiert heute mit Allerheiligen eines ihrer Hochfeste. Sind Heilige eigentlich noch zeitgemäß?

Bernd Holtkamp Heilige sind auf jeden Fall zeitgemäß. Im vergangenen Jahr sind zwei Päpste heilig gesprochen worden, Papst Johannes XXIII. und Paps Johannes Paul II. Das sind Gestalten unserer heutigen Zeit. Menschen haben ein Bedürfnis nach Vorbildern, nach Menschen, zu denen sie aufschauen. Das gibt's ja auch im Weltlichen. Nehmen Sie die Fußballweltmeisterschaft, bei der wir erlebt haben, wie Fußballer für eine ganze Nation Vorbilder wurden. Menschen, deren Trikots man haben will. Der Einzug der Weltmeistermannschaft in Berlin war ja geradezu ein Triumphzug. Dieses Bedürfnis nach Vorbildern gibt es auch in heidnischen Systemen. Sie brauchen sich ja nur anzuschauen, welcher Personenkult in allen marxistischen Systemen betrieben wurde und wird, wie dort Marx, Engels, Lenin oder wie sie alle heißen, mit fast religiösem Nimbus vorangetragen wurden und werden.

Was aber ist im Vergleich zu solchen Vorbildern und Idolen das Besondere an Heiligen?

Holtkamp Heilige sind nicht irgendwelche Persönlichkeiten, sondern sie haben alle Christus durchscheinen lassen, haben freudig Zeugnis gegeben, von dem, was sie erfüllt und das in vielen unterschiedlichen Situationen. Schauen wir auf Schwester Euthymia. Sie war eine freudige Zeugin, aber in erbärmlichster Zeit. Sie hat sich der Kriegsgefangenen angenommnen und dabei Zeugnis gegeben, von dem Glauben, der sie erfüllte. Schauen wir auf Kardinal von Galen. Der hat während der NS-Diktatur in einer Zeit, in der man nicht viel sagen durfte, seinen Mund aufgemacht und widersprochen, wo andere nur geschwiegen haben. Natürlich war von Galen ein Kind seiner Zeit, einer mit Ecken und Kanten, und das ist mir bei allen Heiligen wichtig: Heilige sind keine Übermenschen.

Nun tragen Sie selbst den Namen eines Heiligen . . .

Holtkamp Bernhard von Clairvaux . . .

. . . der ja durchaus zwiespältige Gefühle auslösen kann . . .

Holtkamp Ja. Er war ein großer Marienfrömmiger, ein großer Theologe, aber eben auch ein Kreuzzugsprediger. Das meine ich, wenn ich darauf verweise, dass Heilige auch immer Kinder ihrer Zeit waren. Manches würde man aus heutiger Sicht einfach anders bewerten. Ich habe das mal in Münster bei einer Vortragsreihe über Kardinal von Galen erlebt. Da hat ein Professor erklärt, dass vom "Löwen von Münster" ja eigentlich nicht die Rede sein könne. Der Kardinal sei doch eher ein Kätzchen gewesen. In der Tat hat von Galen ja vieles nicht gesagt. Er hat sich nie explizit zur Judenverfolgung geäußert. Im Hintergrund ist einiges gelaufen, aber eben nicht öffentlich. Das wird ihm heute angekreidet. Die Frage ist aber auch, ob wir, hätten wir in dieser Zeit gelebt, das gewagt hätte. Wir müssen eine Person immer auch in ihrer Zeit bewerten. Kardinal von Galen musste, wenn er nach seinen Predigten von der Kanzel stieg, immer damit rechnen, dass er verhaftet wird - schon für das, was er gesagt hatte. Auch einen Heiligen kann ich nie losgelöst von seinem historischen Kontext bewerten.

Aber haben Heilige über ihre Zeitgenossenschaft hinaus nicht auch immer universal gültige Botschaften in die Welt gebracht? Wir werden in den nächsten Wochen jede Menge Martinszüge erleben, in denen die Kinder von der Freude des Teilens erfahren. Diese Botschaft des Heiligen Martins ist doch heute aktueller denn je. Damit können Kinder etwas anfangen.

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Holtkamp Genau. Der Heilige Martin ist ein Heiliger, der ganz konkrete Gottes- und Nächstenliebe gelebt und demonstriert hat, von der man lernen kann. Das Beispiel von Martin soll uns ermuntern, es ihm nachzutun. Es geht bei der Heiligenverehrung auch immer um die Frage, was das, was er getan oder gesagt hat, für einen selbst konkret bedeutet. Jeder getaufte Mensch ist berufen, Heiliger zu sein. Das wird oft vergessen. Es geht nicht nur um das Hochschauen zu einem Heiligen, sondern auch um den Auftrag, es ihm nachzumachen.

Das ist auch etwas, das man an Allerheiligen oft genug vergisst. Es geht nicht nur um die Heiligen, die offiziell heilig gesprochen worden sind, sondern auch um diejenigen, von denen nur Gott weiß, dass sie heilig sind.

Holtkamp Ja. Es gibt bei Wikipedia eine Liste aller Heiligen, die von Päpsten heilig gesprochen wurden. Über dieser Liste steht, dass sie unvollständig ist. Also selbst alle offiziell kanonisierten Heiligen kann man nicht auflisten. Das ist ein Fakt, der aber noch nicht einmal so wichtig ist. In einem Hochgebet der Kirche heißt es "Wir beten für diejenigen, die im Frieden Christi heimgegangen sind und um deren Glauben niemand weiß als Du". Es gibt zum Beispiel auch in meiner Biografie eine Großtante, von der ich natürlich nicht sagen kann, dass sie eine Heilige ist, von der ich aber glaube, dass sie heiligmäßig gelebt hat. Und ich glaube, dass viele Menschen in ihrer Familie auch Gestalten finden, von denen sie sagen, dass sie zu ihnen aufschauen. Menschen, die ein aufrechtes Leben geführt haben und deswegen Vorbilder sind.

Beschränkt sich die Rolle von Heiligen nur auf ihre Vorbildfunktion?

Holtkamp Heilige sind Fürsprecher. Dass sie für uns da oben ein gutes Wort einlegen, ist meine tiefste Überzeugung. Das ist auch offizielle katholische Lehre. Ich will das an einem Beispiel deutlich machen. Bei jedem Besuch in Münster gehe ich in den Dom zum Grab des Seligen Kardinal von Galen, halte inne, sage, was mich bewegt und dann sage ich: Clemens-August, sieh' mal zu. Dann stecke ich eine Kerze an und gehe. Mit dieser Bitte um Fürsprache und Unterstützung nehme ich eine Beziehung auf und auch das bedeutet, die Heiligen zu ehren.

Haben Sie einen "Lieblingsheiligen"?

Holtkamp Kardinal von Galen, das habe ich schon gesagt, gehört dazu. Für mich aber ist Petrus die interessanteste Heiligenfigur. Das ist eigentlich ein sehr lauter Apostel, der immer wieder einbricht und kleinlaut wird, aber von Christus immer wieder aufgerichtet wird und dann einen großen Auftrag erfüllt. Das ist wichtig. Alle Heiligen sind durch das Feuer gegangen, haben eine Bekehrung durchgemacht, sind Geläuterte. Es sind eben, wie gesagt, keine Übermenschen. Heilige werden oft entrückt dargestellt -mit Heiligenschein. Aber sie sind keine Entrückten. Sie sind nahbar.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE JÖRG WERNER

(RP)
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