Hünxe/Dinslaken: Alfred Grimm - ein Leben für die Kunst

Hünxe/Dinslaken : Alfred Grimm - ein Leben für die Kunst

Der Maler und Objektkünstler feiert heute seinen 75. Geburtstag.

Ein Frühlingstag im ruhigeren Teil der Dinslakener Fußgängerzone. Die Familie hat gerade Eis gekauft, nun rennen die Kinder schon ein Stück vor, um sich auf zwei kleinen Sitzklötzen einen Platz zu sichern. Ein Mann beobachtet die Szene, spricht die Familie an: Ob er die Kinder fotografieren dürfe? Die Antwort ist ein erfreutes "Gerne". Denn der Mann ist nicht irgendein Passant, sondern Alfred Grimm. Der Künstler genau dieses bronzenen Ensembles, auf das sich die Kinder zum Eisessen gesetzt haben.

"Es ist schön zu sehen, dass es angenommen wird", erklärt Grimm im Café, nur wenige Meter entfernt vom Standort, an dem die beschriebene Szene spielte. "Es", damit meint er seine 2012 und 2013 aufgestellten Mahnsteine. Kleine Stelen, die an Menschen erinnern, die als Hutmacherin, Installateur oder Einzelhändler Teil des Dinslakener Geschäftslebens waren, bis der Nationalsozialismus mit seinem Judenhass erst die bürgerliche Gesellschaft und dann Menschenleben vernichtete - und denen er Sitzklötzen zur Seite setzte, damit die Dinslakener das jüdische Leben von einst wieder in ihre Mitte nehmen.

Als Alfred Grimm geboren wurde, übte der Nationalsozialismus noch seine zerstörerische Macht aus. 1943 war es, der 16. Juni, der Künstler feiert heute seinen 75. Geburtstag. Er ist Dinslakener, genau wie die jüdischen Dinslakener, an die er mit seinen Mahnsteinen erinnert.

Zur geistigen Vaterfigur wurde Helmut Drees, Kunstlehrer am städtischen und mathematischen Gymnasium für Jungen in Dinslaken, auf das das Lohberger Bergmannskind aufgenommen wurde. Drees setzte auf experimentelle Freiheit ebenso wie auf Geschmacksbildung durch Ausstellungsbesuche.

Und ein Bild von ihm wurde zum Schlüsselerlebnis für den jungen Alfred. Statt ihn im Kunstunterricht zu verbessern, setzte sich Drees mit ans Schülerpult und ließ auf einem leeren Blatt Papier mit wenigen Strichen ein komplettes Seestück entstehen. "In dem Moment bin ich im Leben ein Stück größer geworden", sagt Grimm heute. "Ich habe gesehen, wie man den größeren Zusammenhang künstlerisch erfassen kann." Ein weiteres Schlüsselerlebnis hatte er im "Haus der Heimat", dem heutigen Museum Voswinckelshof. Eine Schwarz-Weiß-Grafik zeigte den Blick in ein chaotisches Zimmer, ein völliger Gegensatz zu der Ordnung, die er von zu Hause kannte: Kunst eröffnet einen anderen Blick auf die Welt.

Grimm studierte an der Kunstakademie Düsseldorf, lernte dort nicht nur Beuys kennen, sondern auch Barbara Liedigk, mit der er seit 1969 verheiratet ist und zwei Söhne und drei Enkelkinder hat. Und dann kehrte er, gewachsen, an seine Wurzeln zurück. Wurde Kunsterzieher aus Überzeugung am Theodor-Heuss-Gymnasium. Dort brachte er eine neue, inzwischen international tätige Künstlergeneration hervor.

Grimms Jahre in Düsseldorf fielen in die 68er-Zeit. Veränderungen. Aber nicht in Dinslaken. "Dass etwas mit der Kunst nicht in Ordnung war", habe er daran gemerkt, wie der damalige Kulturdezernent der Stadt Verordnungen über die Kultur stellte. Aber trotzdem nahm er an, als er 1980 die Einführung zu einer Picasso-Ausstellung im Haus der Heimat halten sollte. Eigentlich wollte Grimm, der Künstler und Pädagoge, nur den damals nur internen Vernissagebesuchern aus Rat und Verwaltung verdeutlichen, welchen Schock Picassos Kunst auf seine Zeitgenossen ausgelöst hatte.

Also las er nicht aus seinem Manuskript, sondern stopfte es sich in den Mund und aß es auf. Zur Aufklärung seines Verhaltens kam es nicht mehr, der Kulturdezernent packte Grimm am Revers und schmiss ihn raus. Dinslaken hatte einen Kunstskandal! Der Widerstand formierte sich und führte 1981 zur Gründung des Kulturkreises Dinslaken.

Das damalige Kulturverwaltungsamt mit Betonung auf Verwaltung heißt heute Fachdienst Kultur. Der Kulturkreis stellt jedes Jahr im Museum Voswinckelshof aus. Und Alfred Grimm ist im öffentlichen Raum allgegenwärtig. Seine erste Arbeit in dieser Dimension war das von Jürgen Leipner angeregte und von den Kirchen gemeinsam mit der Stadt beauftragte Mahnmal im Park vor dem Rathaus, der "Judenkarren", der an die Pogromnacht in Dinslaken erinnert. Grimms eigene Lohberger Familie war "tiefrot" und natürlich wusste er um die Schrecken des Naziterrors. Aber die konkrete Dinslakener Historie lernte er auch erst durch die Auseinandersetzung mit seinen Mahnmalen kennen.

Die Mahnmale, das Denkmal für die selige Schwester Euthymia. Auch das Werk, das in der Stadt für Heiterkeit sorgte, erinnert eigentlich an den Krieg. Für einen Skulpturenweg schuf Grimm eine sehr realistisch aussehende Baustelle, in der die Gasmaske eines getöteten Soldaten gefunden wird.

Dieses Werk stellte er aber genau dem Baudezernenten der Stadt vor die Haustür: Dinslaken amüsierte sich köstlich. Die finale Version stellten sich die Stadtwerke Dinslaken vor ihre Hauptverwaltung, auf der selben Straße steht Grimms Plastik "100 Jahre Kaltwalzen Steinhoff".

75 Jahre Alfred Grimm sind auch ein Stück 75 Jahre Dinslaken. Wie empfindet er das kulturelle Klima heute? Irgendwo in Grimms Bauernhaus in Hünxe-Bruckhausen liegt noch der Ausstellungskatalog mit der Grafik des chaotischen Zimmers, dem veränderten Blick auf die Welt. Grimm überlegt einen Moment: "Mir fehlt etwas der Biss."

(bes)
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