Wuppertal: Städte schalten Ampeln ab – mehr Unfälle

Wuppertal: Städte schalten Ampeln ab – mehr Unfälle

Das Risiko für schwere Unfälle steigt um 25 Prozent, sobald die Ampelanlagen nachts erlöschen. Experten warnen davor, aus Spargründen auf den Dauerbetrieb zu verzichten. In Wuppertal ist es seit Juli an einer Kreuzung zu drei Kollisionen mit Verletzten gekommen. Jetzt reagierte die Stadt.

Die Ampel ist seit einer Stunde abgeschaltet, als ein 16-Jähriger und sein 15-jähriger Beifahrer mit ihrem Moped auf eine Kreuzung im Industriegebiet Wuppertal-Langerfeld zufahren. Das Krad kollidiert mit dem Polo einer 18-Jährigen. Die beiden Jugendlichen stürzen zu Boden und verletzen sich lebensgefährlich. Es ist nicht der erste schwere Unfall, der abends bei abgeschalteter Ampelanlage an dieser Kreuzung passiert. Am 11. Juli um 21.15 Uhr kollidieren zwei Autos. Am 16. September um 20.40 Uhr kommt es zu einem weiteren schweren Unfall. In allen drei Fällen wurde laut Polizei die Vorfahrt missachtet. Jetzt hat die Unfallkommission der Stadt reagiert: Die Ampel wird nun erst um 23 Uhr statt um 20 abgeschaltet.

Die Stadt Duisburg hat in einer Untersuchung nachgewiesen, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Unfallschwere und überhöhter, nicht angepasster Geschwindigkeit während der Nachtabschaltung besteht. Demnach würden in dieser Zeit deutlich mehr Menschen verletzt, wobei es bei eingeschalteter Ampel meist bei Sachschäden bliebe. Auch eine gemeinsame Studie des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) von 2008 bestätigt, dass sich das Risiko eines schweren Unfalls an Kreuzungen mit ausgeschalteter Ampel um 25 Prozent erhöht. Trotzdem werden mehr als die Hälfte aller Ampeln nachts abgeschaltet. "Diese weit verbreitete Praxis der Städte ist aus Gründen der Verkehrssicherheit nicht vertretbar", sagt Klaus Brandenstein von der Unfallforschung der Versicherungen (UDV). Eine Untersuchung im Auftrag der UDV zeigte, dass sich in Dresden pro Jahr rund 300 Unfälle mit mehr als 100 Verletzten an abgeschalteten Ampeln ereignen. "Die Werte können ohne weiteres auf andere Städte und Gemeinden übertragen werden", sagt Brandenstein. Die Polizei nimmt indes nicht auf, ob ein Unfall an einer abgeschalteten Ampel passiert ist. Als Unfallursache wird missachtete Vorfahrt notiert. "Viele Fahrer sind nachts unaufmerksam, fahren zu schnell in den Kreuzungsbereich und beachten die Schilder nicht", sagt Anja Meis, Sprecherin der Polizei in Wuppertal.

Laut Straßenverkehrsordnung sollten Kommunen in der Regel auch nachts Ampeln in Betrieb halten. Nur in begründeten Ausnahmefällen dürfen sie abgeschaltet werden. "Eigentlich darf es an diesen Stellen keinen Unfallschwerpunkt geben", meint Brandenstein. Denn Ampeln, an denen es während der Nachtabschaltung zu zwei Unfällen innerhalb eines Jahres mit gleicher Ursache gekommen ist, müssen umgehend dauerhaft wieder in Betrieb genommen werden. "Das Kostenargument darf dabei keine Rolle spielen", betont Arndt Klocke, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Düsseldorfer Landtag. Jochen Ott, Verkehrsexperte der SPD, sieht das ähnlich. "Ich gehe davon aus, dass die Kommunen verantwortungsvoll mit Ampelabschaltungen umgehen", sagte Ott. Wenn es zu Unfallhäufungen komme, müssten die Verkehrsämter sofort reagieren.

In Solingen sind von den 150 städtischen Anlagen nachts rund ein Drittel ausgeschaltet. 2009 war die Zeit ohne Schaltung aus Kostengründen sogar um zwei Stunden verlängert worden – von 22 Uhr bis 6 Uhr. Seitdem es jedoch im August an einer Kreuzung in der Innenstadt zu einem tödlichen Unfall kam, wurde eine Ampel nachts wieder in Betrieb genommen.

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Die Stadt Mönchengladbach hat 250 Ampeln im Betrieb, zehn Prozent werden zwischen 20 und 22 Uhr ab – und erst um 6 Uhr wieder angeschaltet. Auf der vorfahrtsberechtigten Straße bleibt die Anlage dunkel, auf der Nebenstrecke gibt es gelbes Blinklicht. Ausgeschaltet wird nur auf kleinen, wenig befahrenen Straßen. Das hält Burkhard Nipper, geschäftsführender Direktor der Verkehrswacht NRW für sinnvoll: "Gelb-blinkende Ampeln wecken sicherlich mehr Aufmerksamkeit, als komplett abgeschaltete."

In Neuss waren zuletzt 40 der rund 150 Ampelanlagen von 22.30 bis 5.30 Uhr abgeschaltet. Das sparte 5600 Euro pro Jahr. Auch das Sparpaket der Stadt Remscheid von 2010 beinhaltet, dass 24 der insgesamt 79 Ampeln nachts außer Betrieb sind. Wie viele Ampeln in Wuppertal nachts ausgeschaltet sind, konnte die Stadt gestern nicht sagen. "Ampeln sind aber nur dort abgeschaltet, wo die Sicherheit gewährleistet ist", erklärte ein Sprecher. "Keine Kommune schaltet aus Spargründen ab, sondern da, wo es verkehrstechnisch Sinn macht."

Die Stadt Dormagen verzichtet nach Angaben eines Sprechers seit einigen Jahren komplett auf das nächtliche Abschalten der städtischen Ampeln, weil es infolge dessen in der Vergangenheit zu mehreren Unfällen gekommen war.

(RP)
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