Köln: "So einen Fall hatten wir noch nie"

Köln: "So einen Fall hatten wir noch nie"

Bei dem Straßenbahn-Unfall in Köln mit 40 Verletzten soll einer der Fahrer alkoholisiert gewesen sein. Der Chef der Kölner Verkehrs-Betriebe zeigte sich entsetzt. Die Fahrer werden regelmäßig vom medizinischen Dienst untersucht.

Es ist eine Vorstellung, die jeden Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel beunruhigt: Nach der Kollision zweier Straßenbahnen am Donnerstagabend in Köln stellte sich heraus, dass einer der Fahrer alkoholisiert gewesen ist. "Es ist etwas passiert, was eigentlich nicht passieren darf", kommentierte Jürgen Fenske, Vorstand der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), den Vorfall, bei dem 43 Menschen verletzt wurden, gestern Nachmittag. Die Ergebnisse eines Bluttests stehen noch aus. Die Rede ist aber von "starker Alkoholisierung" und einem Wert von bis zu zwei Promille.

Es war allenfalls noch eine Viertelstunde, die der 55-Jährige am Donnerstagabend im Dienst gewesen wäre, dann hätte er Feierabend gehabt. Doch um kurz nach 20 Uhr krachte er auf der Linie 18 mit seiner Bahn an der Haltestelle Eifelwall in eine Bahn, die dort hielt. "Wir können uns nicht erinnern, dass wir so einen Fall je hatten", sagt Fenske. Die Nachricht sei "schockierend" gewesen. Seinen Angaben zufolge ist der Fahrer seit 27 Jahren bei den KVB und hat seinen Dienst "regelmäßig und ohne Auffälligkeiten" versehen. "Wir stehen vor einem Rätsel." Die Hintergründe sollen nun aufgeklärt werden.

Es gebe für alle Fahrer natürlich eine "Null-Promille-Regelung". Der Fahrer hatte am Donnerstag einen sogenannten Mitteldienst, der von etwa 13 bis 20 Uhr dauern sollte. Drei Stunden vor dem Unfall habe er am Neumarkt Pause gemacht, die Bahnen würden immer "auf der Strecke übernommen", doch bei der Begegnung mit seinem Kollegen soll es keine Auffälligkeiten gegeben haben.

Wo und wann der 55-Jährige getrunken hat, ist unklar. "In der Bahn haben wir jedenfalls keinen Alkohol gefunden", sagt Thomas Miebach, Bereichsleiter Stadtbahn. Der Fahrer sei nach dem Unfall nach Hause gebracht worden und sei nun krankgeschrieben. "Er ist gestern ins Krankenhaus gekommen." Man habe daher noch nicht mit ihm sprechen können.

Die Bus- und Bahnfahrer müssten sich alle zweieinhalb Jahre vom Betriebsarzt untersuchen lassen. Das sei häufiger, als es im Gesetz steht. Dort ist eine Untersuchung alle drei Jahre vorgeschrieben. "Gibt es dann einen Verdacht, dass ein Fahrer ein Alkohol- oder Drogenproblem hat, entziehen wir ihm sofort die Fahrerlaubnis." In den vergangenen Jahren sei aber nur einmal ein Busfahrer diesbezüglich auffällig gewesen. Fenske betonte, dass es im Unternehmen seit Jahren Stadtbahnbetreuer gebe, die regelmäßig mit den Fahrern über ihren Alltag und Probleme sprechen würden. Außerdem gebe es Kontrolleure, die anonym in Bussen und Bahnen mitfahren, um das Verhalten der Fahrer zu beobachten.

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Die Fahrer werden nicht regelmäßig auf Alkohol getestet, wie Miebach sagt: "Das Thema hat sich bisher noch nicht gestellt." Fenske ergänzt: "Wir haben nun einen Anlass, darüber nachzudenken." Zuerst müsse der Unfall aber aufgeklärt werden. Ermittler der Polizei müssen unter anderem klären, mit welcher Geschwindigkeit die Bahn aufgefahren ist. Eine Zwangsbremsung wird nur automatisch eingeleitet, wenn der Fahrer den sogenannten Sicherheitsfahrtenschalter nicht gedrückt hält - etwa weil er plötzlich bewusstlos geworden ist.

In den sozialen Netzwerken hatten Fahrgäste offenbar davon berichtet, dass die Türen in einer Bahn am Donnerstag nach dem Unfall nicht gleich aufgegangen seien, einige deshalb in Panik geraten seien. "Wir haben keine Kenntnisse davon, dass die Not-Entriegelung nicht funktioniert hat", sagt Miebach.

Doch lässt sich überhaupt verhindern, dass sich jemand angetrunken ins Führerhaus setzt? Mit Prävention, Kontrolle und medizinischen Checks versuchen Verkehrsbetriebe gegenzusteuern, heißt es etwa bei der Rheinbahn in Düsseldorf: "24 Stunden vor Fahrtantritt darf kein Alkohol getrunken werden. Das heißt: 0,0 Promille, und da gibt es auch keinen Rabatt", sagt Sprecher Georg Schumacher. Regelmäßig würden die Fahrer medizinisch kontrolliert.

Die Duisburger Verkehrsgesellschaft (DVG) etwa hält mindestens einmal im Jahr Schulungen ab. Bestandteil aller Schulungen ist neben der Null-Promille-Grenze auch das Thema Restalkohol. Die Schulungen sollen alle Fahrer sensibilisieren. Denn die Fahrer lösen sich an Betriebshöfen oder Haltestellen untereinander ab - daher kann die Betriebsaufsicht nicht alle Fahrer kontrollieren. Allerdings findet an Betriebshöfen ein Kontakt mit der Fahrdienstleitung statt, dort würden Auffälligkeiten bemerkt werden, sagt Kathrin Naß von der DVG.

Bei der Wupsi, dem größtem Betreiber des Linienbusverkehrs in Leverkusen, gilt ebenfalls die Null-Promille-Grenze. Mehrmals im Jahr werden nicht angekündigte Kontrollen durchgeführt. Dabei werden die Fahrer, bevor sie in ihre Schicht starten, per Alkoholtest kontrolliert. Probleme mit alkoholisierten Fahrern habe es aber noch nicht gegeben, so ein Sprecher.

(hsr)