Düsseldorf: Sinti und Roma und die Vorurteile

Düsseldorf: Sinti und Roma und die Vorurteile

Wie lebt es sich mit einem Stigma? Und was ist dran an den Klischees?

Als Rudolf Kosthorst mit seinem Kleinwagen in die Sinti-Siedlung einbiegt, wird er empfangen wie ein Staatschef. Menschen winken und laufen auf sein Auto zu. Der 64-Jährige lässt die Scheibe runter. Plaudert. "Wie geht's?", fragt er. "Costa" - so nennen sie ihn hier - kennt die meisten der rund 150 Bewohner der Sinti-Siedlung in Düsseldorf-Eller schon seit Jahrzehnten. Von 1979 bis 2012 war er Beauftragter für Sinti und Roma im Sozialdienst der Stadt. Mittlerweile ist er im Ruhestand. Doch das Thema seines Lebens lässt ihn nicht los.

Vor seinem Haus wartet Rigoletto Mettbach. Der 66-Jährige ist Sinto. "Wir haben eine ganz andere Kultur als die Roma", stellt er klar. "Das sind zwei völlig verschiedene Völker." Die Sinti sind zum Beispiel überwiegend katholisch. Auch die Sprache, das Romanes, hat sich unterschiedlich entwickelt. Der Ursprung auf dem indischen Subkontinent sei zwar gleich, aber während die Roma Jahrhunderte auf dem Balkan lebten, kamen die Sinti bereits vor etwa 600 Jahren nach Deutschland. Er könne sich mit einem Rom nicht verständigen, erklärt Mettbach, "aber ich habe nichts gegen die Leute. Kein Mensch hat was gegen Roma".

In dem kleinen, eingeschossigen Haus lebt der Sinto heute mit seiner Frau und einem seiner 37 Enkel. Mettbach hat neun Kinder, mit 19 wurde er zum ersten Mal Vater. Die ersten 30 Jahre seines Lebens verbrachte er im Wohnwagen. Zunächst in Duisburg, später auf dem Wohnwagen-Platz in der Nähe der heutigen Sinti-Siedlung. Dort gab es weder Toiletten noch Wasser-Anschluss. Zum Duschen ging man ins Hallenbad. Wasser holte man am Hydranten. Und die Notdurft verrichtete man in eine Grube. Heute muss Mettbach selber darüber schmunzeln. Die Zustände waren der Stadt ein Dorn im Auge. 1983 wurden die Sinti in die für sie gebaute Siedlung an der Otto-Pankok-Straße umgesiedelt. "Anfangs war uns das hier sehr fremd", erinnert sich Mettbach. So fremd, dass manch einer im Garten schlief. Bis heute stehen zwischen den 21 Häusern vereinzelte Wohnwagen. Auch Mettbach hat einen. Im Winter lebt er fest in der Siedlung. Ende März fährt er mit dem Wohnwagen los, "dorthin, wo ich Sinti treffe". Seine Frau ist mit dabei. Bis Ende Oktober ist das Ehepaar unterwegs. Insgesamt, wirft Kosthorst ein, reisten die Sinti aber deutlich weniger als früher. Sehr zu Mettbachs Bedauern: "Es geht alles verloren."

In den 1970ern kamen Sinti-Kinder automatisch in die Sonderschule. Mettbach blieb drei Jahre. Die Familie war ja ständig unterwegs. "Das war wunderbar, herrlich", sagt Mettbach, "lustig ist das Zigeunerleben." Den Begriff "mobile ethnische Minderheit" würde man aus seinem Mund nicht hören. "Ich bin Zigeuner", sagt er. Andere dürften ihn auch so nennen, er habe damit kein Problem. Lesen und Schreiben hat er sich mit Micky-Maus-Heften beigebracht. Seine Kinder seien regelmäßig zur Schule gegangen. Das sei ihm wichtig gewesen. Einer der Söhne arbeitet heute als Schrotthändler. Zwei sind Musiker.

Auch Mettbach macht seit 50 Jahren Musik. Mit seiner Swing-Jazz-Band Rigo Winterstein Swingtett hat er Auftritte in der ganzen Welt absolviert. Von der Musik allein sein Leben bestreiten konnte Mettbach allerdings nie. Wie die meisten anderen in der Siedlung hat er alles Mögliche gemacht. "Die Sinti sind Weltmeister im Überleben", sagt Kosthorst. Seit 2013 engagiert sich Mettbach ehrenamtlich für die Sinti Union Düsseldorf. Er ist deren erster Vorsitzender und informiert über sein Volk, dessen Geschichte. Ein wichtiger Teil ist die Verfolgung zur Nazi-Zeit. Heute erinnert eine Gedenktafel an das damals sogenannte Zigeuner-Lager am Höherweg. Von dort aus wurde auch Mettbachs Mutter deportiert. "Sie ist in vielen verschiedenen KZs gewesen, unter anderem in Bergen-Belsen und Ravensbrück", sagt Mettbach. 2014 ist sie gestorben.

Imer Ajdini lebt nur einen Katzensprung von der Sinti-Siedlung entfernt - dort, wo man einen Rom am wenigsten erwarten würde: in einer Reihenhaussiedlung. Im Inneren des Hauses im Stadtteil Vennhausen, das Ajdini mit Frau und zwei Kindern bewohnt, sieht es aus wie in einem Katalog. Ajdini spricht sechs Sprachen: Neben seinen Muttersprachen Mazedonisch und Romanes sind das Serbisch, Türkisch, Arabisch und Deutsch.

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Geboren wurde Ajdini in Skopje, der heutigen Hauptstadt Mazedoniens. "Meine Familie lebt seit Jahrhunderten auf dem Balkan", sagt der 39-Jährige. Sie seien stets sesshaft gewesen. Nach der Schule ging Ajdini in die Türkei, um Islamwissenschaften zu studieren. "Mein Vater war Imam, mein Großvater und mein Bruder auch." Nach dem Studium bekam er das Angebot, in Düsseldorf zu arbeiten. In einer Roma-Moschee. Dorthin geht Ajdini nun fünfmal am Tag, zu den Gebetszeiten. Gepredigt wird auf Romanes. "Das ist sehr ungewöhnlich", wirft Kosthorst ein. Ihm sei landesweit keine weitere Moschee bekannt, in der das so praktiziert werde.

Natürlich weiß Ajdini um das schlechte Image der Seinen, das durch die Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien zusätzlich gelitten hat. In Städten wie Duisburg, Gelsenkirchen oder Dortmund gebe es besorgniserregende Entwicklungen. Die Wurzel allen Übels sei die mangelnde Bildung. Der Großteil habe einfach keine Chance auf dem Arbeitsmarkt, sagt Kosthorst.

Auch Ajdini konnte kein Deutsch, als er nach Düsseldorf kam. Aber er hatte den Ehrgeiz, es zu lernen. Als er es einigermaßen beherrschte, machte er den Taxischein. Mittlerweile hat er ein Unternehmen mit zwölf Angestellten. Und fährt selber. "Der Imam muss auch arbeiten", sagt er lachend, denn seine Arbeit in der Moschee ist ehrenamtlich. Den Namen der Firma möchte er nicht nennen. Er fürchtet, Aufträge zu verlieren, wenn die Kunden erfahren, dass er Rom ist.

Im Gegensatz zu Rigoletto Mettbach würde Ajdini den Begriff "Zigeuner" für sich nicht verwenden. Die Assoziationen seien zu negativ. "Die haben keine feste Wohnung. Die arbeiten nicht. Die klauen." Die Reihe der Klischees ist lang. Ajdini bezeichnet sich lieber als Rom. Das bedeutet "Mann, Ehemann". Der Plural "Roma" heißt "Menschen".

Imer Ajdini sieht seine Zukunft in Deutschland. Von den drei Ländern, in denen er bisher gelebt hat, sei ihm hier am wenigsten Diskriminierung widerfahren. "In Mazedonien oder der Türkei hätte ich als Rom nicht das erreichen können, was ich hier erreicht habe", glaubt er. Wer hier lerne und fleißig sei, könne es schaffen. Ob er das Land als Heimat empfinde? "Natürlich."

(RP)
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