Shell gibt Bayer Pipeline-Nachhilfe

Shell gibt Bayer Pipeline-Nachhilfe

Zwei Pipelines in NRW, beide sollen Gifte transportieren. Die Bayer-Pipeline wird durch jahrelange Proteste blockiert, aber gegen die Shell-Pipeline hat niemand etwas. Bayer hat sich jetzt von Shell beraten lassen – ein Lehrstück zur Strategie der Unternehmenskommunikation.

Köln/Leverkusen Als der Ölmulti Shell am 1. Oktober in Köln-Porz den ersten Spaten für den Bau einer vier Kilometer langen Pipeline stach, rieb man sich in der Leverkusener Bayer-Zentrale verwundert die Augen: Öl-Manager, Umweltschützer, Anwohner und Bürgermeister rühmten da in aller Öffentlichkeit und wundersamer Eintracht ein Giftgas-Projekt. Nur 15 Monate nach Baubeginn werden durch die Shell-Pipeline "Connect" ab Ende 2012 so unangenehme Stoffe wie brennbares Butan, giftige Gasöle und andere Raffinerie-Stoffe von Godorf nach Wesseling fließen – und offenbar hat kaum jemand etwas dagegen.

Bayer hingegen hat mit dem Bau seiner CO-Pipeline von Dormagen nach Krefeld schon 2007 begonnen, und darf sie noch immer nicht betreiben. Ein jahrelanger Rechts- und Nervenkrieg mit Anwohnern und Umweltschützern führte inzwischen zu einem gerichtlichen Stopp für die Pipeline – der Ausgang des Verfahrens ist auch vier Jahre nach dem ersten Spatenstich noch offen. Was hat Shell anders als Bayer gemacht?

Diese Frage hat sich offenbar auch Denise Rennmann gestellt, als "Leiterin Corporate Policy and Advocacy" so etwas wie die offizielle Anstandsdame von Bayer. Sie war Teilnehmern zufolge die ranghöchste Bayer-Managerin bei einer denkwürdigen Zusammenkunft am vergangenen Freitag. Bayer hatte zwei Gesprächspartner zu einer Art geheimer Fortbildung in Sachen Pipeline-Propaganda eingeladen: Koos Beurskens, Projektleiter und "Macher" der Shell-Pipeline, sowie Josef Tumbrinck, NRW-Chef des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). Ihnen gegenüber saßen etwa 20 Bayer-Leute, angeführt von Denise Rennmann.

"Wir haben mitgenommen, dass Shell da sehr professionell kommuniziert hat", sagte Bayer-Sprecher Jochen Klüner, der bei dem Gespräch dabei war, gestern auf Anfrage. "Das haben wir bei unserer CO-Pipeline aber auch", fügt er hinzu. Am Ende sei vor allem deutlich geworden, "dass die beiden Projekte definitiv nicht vergleichbar sind". Schon deshalb nicht, weil die Bayer-Pipeline fast 20-mal länger als die Shell-Pipeline ist.

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Das sieht Nabu-Chef Josef Tumbrinck ganz anders. "Shell hat so ziemlich alles anders gemacht", sagt Tumbrinck. Schon Jahre vor dem eigentlichen Planfeststellungsverfahren sei der Ölmulti auf alle relevanten Betroffenen zugegangen und habe offensiv den Dialog gesucht. "Und zwar nicht über nachrangige Pressestellen, sondern die haben hochrangige Manager geschickt und so gezeigt, dass sie die Anwohner ernst nehmen", so Tumbrinck. Bayer hingegen habe sich auf staatliche Genehmigungen und Auflagen konzentriert und sich danach in der Auseinandersetzung mit den Anwohnern auf den Rechtsweg verlassen. "So einfach ist das heute eben nicht mehr", sagt Tumbrinck, "die Bürger sind viel selbstbewusster und informierter als früher und deshalb schneller zu Protesten bereit."

Shell habe auch dadurch an Glaubwürdigkeit gewonnen, dass der Konzern seinen Pipeline-Plan in wesentlichen Punkten geändert habe: Neue Trassenführung, tiefergelegte Pipeline und zusätzliche Maßnahmen zum Schutz bedrohter Tiere im Bereich der Pipeline-Bahn. "Man muss Raffinerieprodukte ja nicht gut finden", sagt Tumbrinck, "aber die Kommunikation hat Shell richtig gut hingekriegt."

Shell-Sprecher Constantin von Hoensbroech bestätigte die Zugeständnisse an die Pipeline-Anwohner der Region. "Wir haben frühzeitig das Gespräch mit allen Beteiligten gesucht, um zu einer für alle akzeptablen Lösung zu kommen. Das bedeutete in diesem Fall, die ursprünglichen Pläne zu überdenken und anzupassen." Offenbar mit Erfolg: Bis heute liegt nicht eine Beschwerde oder Klage gegen das Shell-Projekt vor.

(RP)
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