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Duisburg: "Salafisten missbrauchen Religion"

Duisburg : "Salafisten missbrauchen Religion"

Nach fast vier Jahren haben Protestanten und Muslime wieder offiziell auf Spitzenebene miteinander gesprochen – in der Duisburger Moschee. Die Gewalt des Salafismus wurde verurteilt; eine förmliche Erklärung dazu soll es aber nicht geben. Ein mögliches Projekt sind gemeinsame Kitas.

Religionsdiplomatie kann auch durch den Magen gehen. Um die jahrelange Funkstille in den offiziellen Beziehungen zwischen Muslimen und Protestanten zu beenden, lud Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Anfang des Jahres kurzerhand Vertreter des Koordinationsrats der Muslime zu sich nach Hause ein. Nicht zuletzt dieses Abendessen im Schneiderschen Hause im Düsseldorfer Norden führte dazu, dass der Dialog zwischen evangelischer Kirche und Muslimen seit gestern wieder geführt wird. Und sehr gut geschmeckt habe es auch, versichern Teilnehmer.

In der Moschee im Duisburger Stadtteil Marxloh traf sich eine Dreizehnerrunde aus Koordinationsrat und EKD; anderthalb Stunden wurde über das zukünftige Verhältnis beraten. Die Beziehungen waren getrübt, seit die EKD 2006 ihren Gemeinden die Schrift "Klarheit und gute Nachbarschaft" an die Hand gegeben hatte, die wegen ihrer deutlichen Abgrenzung zum Islam von muslimischen Verbänden als Affront und verkappter Missionierungsversuch kritisiert worden war. Worte von einer "großangelegten Moscheebau-Initiative" (EKD-Ratschef Wolfgang Huber 2007) und die Forderung seines Nachfolgers Schneider 2011, der Islam müsse über eine eigene Aufklärung nachdenken, hatten für weitere Irritationen gesorgt.

Das Treffen gestern sei "sehr fruchtbar" gewesen und "in herzlicher Atmosphäre" abgelaufen, sagte Ali Kizilkaya, Sprecher des Koordinationsrats. Von einer Begegnung "auf Augenhöhe" sprach Schneider, die auch "kitzlige Fragen" nicht ausgeklammert habe. So sei etwa das Thema Salafismus angesprochen worden. Salafisten, Anhänger einer radikalen Islam-Auslegung, hatten im Mai in Bonn bei Ausschreitungen nach einer Demonstration der rechtsradikalen Partei Pro NRW zwei Polizisten schwer verletzt. Eine salafistische Vereinigung in Solingen wurde verboten; dort wurden bei einer Razzia Hinweise auf Verbindungen zum islamistischen Terrorismus der "Sauerland-Gruppe" entdeckt.

"Wir haben uns dafür bedankt, dass der Koordinationsrat so deutlich öffentlich Stellung bezogen hat gegen die Übergriffe", sagte Schneider: "Es bestand völlige Einigkeit darin, dass Empörung nicht durch Gewalt geäußert werden kann und dass Religion nicht für andere Zwecke missbraucht werden soll." Wenn durch die Salafisten etwa eine Koranverteilung benutzt werde, um "etwas Anderes" zu erreichen, dann finde das auch der Koordinationsrat "nicht lustig". Er habe dem nichts hinzuzufügen, sagte Kizilkaya.

Protestanten und Muslime planen, sich zu aktuellen Krisen und großen gesellschaftlichen Fragen gemeinsam zu äußern. Ein gemeinsames Wort zum Salafismus sei nicht verabredet worden, sagte Schneider; das wäre aber "ein Riesenschritt". Er hoffe, dass das in Zukunft möglich sei. Kizilkaya erwiderte allerdings, eine gemeinsame Stellungnahme zum Salafismus sei nicht nötig. Man habe sich "sehr deutlich geäußert".

Vor dem Treffen hatte der Berliner Islamwissenschaftler Ralph Ghadban von den Islamverbänden eine deutliche Distanzierung vom Salafismus gefordert. Die Christen müssten in Duisburg darauf dringen, sagte Ghadban: "Die EKD muss von den Muslimen einfordern, dass sie die theologischen Probleme in ihrer Religion klären."

Nicht gesprochen habe man über das heikle Thema Mission, sagte Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime. Die Muslime hätten die Protestanten gefragt, was sie sich vom Dialog erwarteten, und die Antwort sei "äußerst zufriedenstellend" gewesen: Es gehe jetzt darum, gemeinsam die gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen. Schneider sagte dazu, wer in seinem eigenen Glauben gefestigt sei, habe eine große Freiheit, mit anderen zu reden.

Protestanten und Muslime wollen jetzt in kleineren Gruppen klären, welche Themen vorangetrieben werden. Möglich sei etwa, über Kitas in gemeinsamer Trägerschaft nachzudenken, sagte Schneider. Man stehe aber am "Beginn des Beginns". Mazyek ergänzte, geplant sei ein gemeinsamer Leitfaden für Muslime und Christen: "Es besteht Bedarf an einem Knigge: Was muss ich beachten, wenn ich in die Kirche oder in die Moschee komme?"

Das nächste Spitzentreffen ist für Ende Juni 2013 geplant – dann in Berlin, bei der EKD. Von einem gemeinsamen Abendessen war allerdings nicht die Rede.

(RP)