Rheinische Lösung Ein Sinn für Obrigkeit

Meinung | Düsseldorf · Karnevalsprinz und Schützenkönig – im Brauchtum gibt es viele Ämter, die Hochachtung verlangen. Welche Spiele damit getrieben werden.

Horst Thoren
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 Ein Beispiel rheinischer Bedeutsamkeit: Christoph Kuckelkorn (vorne), Präsident des Festkomitees Kölner Karneval.

Ein Beispiel rheinischer Bedeutsamkeit: Christoph Kuckelkorn (vorne), Präsident des Festkomitees Kölner Karneval.

Foto: dpa/Oliver Berg

Ein hervorstechendes Merkmal der Preußen haben die Rheinländer behalten – Sinn für Obrigkeit. Zwar gibt es keinen Kaiser Wilhelm mehr, dafür aber ungezählte Prinzen, Könige, Majestäten und Tollitäten, die fast so viele Uniformen zur Schau tragen wie seinerzeit die höfische Gesellschaft. Das Brauchtum, vormals als Persiflage auf preußische Großmannssucht begründet, hat perfektioniert, was in Berlin einst als Tugend galt. Und neben Schützenkönig und Karnevalsprinz gibt es viele weitere Ämter, die ungemein wichtig und mit Hochachtung bedacht werden.

Zu Recht! Wie sangen schon die drei Colonias: „Ich han en Mötz, ich ben jetzt Präsident. Ich ben berühmt och wenn mich keiner kennt.“ Damit unterscheiden sich die Vor-Ort-Präsidenten aus Schützen- oder Karnevalskomitee, Kegelklub oder Geflügelzuchtverein von der amtlichen Konkurrenz (mit Frank-Walter Steinmeier oder Hendrik Wüst): Sie tragen was auf dem Kopf (en Mötz) oder auf der Brust (Amtskette) und fühlen sich damit den anderen Autoritäten (wie Pastuur oder Bürgermeester) zumindest gleichgestellt. Die Akzeptanz erstreckt sich, so die Colonias, auch auf Partner und Familie: „Und och min Aahl ist jetzt stadtbekannt, de weed jetzt överall Frau Präsident jenannt“. Manche Schützenkönigin fühlt sich beim Friseur „wie die Queen“. Warum auch nicht. Der Spaß an der Freud‘ macht richtig viel Arbeit, da darf der Titel nicht zu klein sein.

Die Größe der Gruppierung spielt bei der Verteilung der Ämter keine Rolle. In Gladbach rollierten in der kleinsten Karnevalsgesellschaft der Welt die Aufgaben von Präsident, Kassierer und Schriftführer in einer Dreierkette. Jüngst meldete sich aus dem Rhein-Kreis ein Trio. Auch hier trägt der Obersänger präsidiale Verantwortung. Wer sich darüber lustig macht, hat das gemeinschaftliche Moment übersehen. Zwar hat das hohe Präsidijum stets das erste Wort, aber nicht immer das Sagen. Darum waren den Preußen die hiesigen Volksfeste eher suspekt, weil unkontrollierbar. Und so muss mancher Präsident, ob in Verein oder Politik, auch heute erkennen: „Die dont, wat se wolle.“

Unser Autor ist stellvertretender Chefredakteur. Er wechselt sich hier mit Politikredakteurin Dorothee Krings ab.

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