Neusser Tradition im Umbruch Frauen dürfen Schützenmitglieder werden – das ist mehr als ein Revolutiönchen

Meinung | Düsseldorf · Auf kürzestem Wege kommt man im Rheinland nicht unbedingt am schnellsten ans Ziel. Über Umwege schon. Was das mit der Sache der Frauen im Schützenwesen zu tun hat.

 Nur dabei statt mittendrin: Szene vom Neusser Schützenfest 2023.

Nur dabei statt mittendrin: Szene vom Neusser Schützenfest 2023.

Foto: Horst Thoren

Wer im Rheinischen den kürzesten Weg sucht, kommt nicht weit. Denn häufig steht dem gewünschten Ziel etwas im Weg, was ein Ausweichen nötig macht. Dabei kann der Umweg durchaus schneller ans Ziel führen als die kompromisslose Überwindung der Hindernisse. Dem Westfalen wird unterstellt, er wolle partout mit dem Kopp durch die Wand. Der Rheinländer met Köppke aber bringt kreative Lösungen ins Spiel, die verblüffen: Et hätt noch emmer jood jejange. Wer allerdings übertreibt, wird disqualifiziert: Hä hätt bloss Spökes im Owestüwke (Blödsinn im Kopf).

Die Neusser Bürgerschützen haben jetzt die Quadratur des Kreises geschafft. Frauen dürfen endlich mitmachen, aber nicht öffentlich in Erscheinung treten. Ausgedacht hat sich das ein juristisch geschultes Gremium, dem sogar zwei Schützendamen angehörten. Selbst dieser Kompromiss, der immerhin ein Hauch von Gleichberechtigung möglich macht, fand nicht uneingeschränkte Zustimmung. 17,8 Prozent der über 500 Stimmberechtigten ging auch diese Schatten-Mitgliedschaft zu weit.

Die Protagonistinnen der Verweiblichung des Schützenwesens sprechen von Mäuseschritten. Und doch ist diese Kompromissformel nicht nur ein Revolutiönchen. Denn jetzt kann beginnen, was einst die APO der 1968er Jahre proklamierte: Der Marsch durch die Institutionen. Jetzt haben es die Frauen der Schützen, gern als Nüsser Röskes gefeiert, in der Hand: Wollen sie mit eigenem Selbstverständnis dabei sein, müssen sie schnurstracks in den Bürgerschützenverein eintreten und nach Mehrheiten streben. Bei über 7000 Marschierern ein hohes Ziel, aber erreichbar. Denn die Männer sind sich nur bei Umzug und Parade selbst genug. Neben jedem Schützen, ob Grenadier oder Jäger, steht beim Festball eine couragierte Frau.

Doch klar dürfte sein, bis in Neuss eine Schützenschwester den Vogel abschießt, wird noch reichlich Wasser den Rhein herunterfließen. Auch in Köln gilt das männliche Prinzip. Sogar die Jungfrau muss dort männlich sein. Im Dorf mit K. sind die Sitten noch strenger, kriegte nicht einmal der Bürgermeister seine Frau auf die Ehrentribüne. Wer da was ändern will, mott ne lange Ärm han.