Kolumne Rheinische Lösung Sankt Martin – Held der Kindheit

Meinung | Düsseldorf · St. Martin braucht in diesen Kristentagen selbst Unterstützung, damit genug in die Tüten kommt. Warum das Brauchtum in diesen Zeiten besonders wichtig ist.

Sankt Martin in Düsseldorf. (Archivbild)

Sankt Martin in Düsseldorf. (Archivbild)

Foto: Bretz, Andreas (abr)

Sankt Martin war der Held meiner Kindertage. Er spornte mich an, schwierigste Mundartlieder zu üben („Loop Möller, loop“). Vor seinem Ross, unser Martin ritt Schimmel, hatte ich Respekt. Den Mann im roten Mantel liebte ich – schon wegen des Buggemanns (auch Weckmann genannt), den jedes Kind von ihm nach dem Fackelzug überreicht bekam. Diesmal werden wohl nicht alle etwas bekommen, denn die Stutenkerle sind teuer geworden. Da braucht Sankt Martin großzügige Unterstützer, damit zumindest beim Gripschen (dem Singen und Sammeln an der Haustür) genug in die Tüten kommt.

Im Düsseldorfer Land ist es üblich, dass die Kinder beschenkt werden, sofern sie eifrig singen. Wie heißt es dazu in Kempen, wo der Martinsbrauch Kulturerbe ist und „Spione“ die Sangesgruppen benoten: „Oh, wat en Freud“. Dieses bekannteste Kempener Martinslied drückt aus, was den emotionalen Kern des Festes ausmacht: „Zint Märte ös ene juern Heer, dä hät ok all die Kenger jeer.“ Wer den Kindern nichts gibt, muss mit Spott rechnen, wie Tante Bärbel aus dem Bergischen jüngst erzählte. Sie hat als Mädchen schimpfend gerufen: „Dat Huus dat steht up Herken, hie wönnt en jitzich Ferken, dat Huus dat steht up Kollen, dat soll der Deuvel hollen.“ Wer Schimpf und Schande (Jitzhals!) vermeiden will, sollte Süßes parat haben.

Dann kommt auch Lob: „Selich soll er leben, selich soll er sterben, dat Himmelreich erwerben.“ Annette aus Angermund hat letztens ihre Ersatzfackel verschenkt, weil ein kleiner Sänger seine in der Schule gebastelte Laterne zu schön fand, um sie den Risiken eines Martinszuges auszusetzen. Und tatsächlich gab es schon zu meiner Zeit kleine Rabauken, die mit ihren Kerzen-Laternen in den Kampf zogen, bis sie verbrannten. Ganz brav war ich auch nicht: Als Junge habe ich die kleine Tonpfeife am Weckmann (Symbol des Bischofsstabes, denn der römische Offizier und großherzige Mantelteiler Martin wurde später Bischof) mit Tabak gestopft und geraucht. Mir wurde nur „ein bisschen“ übel davon. Der Spaß an der Freud blieb damals aus. Denn Oma kriegte das mit und schimpfte: „Du Lümmel!“ 

Unser Autor ist stellvertretender Chefredakteur. Er wechselt sich hier mit Politikredakteurin Dorothee Krings ab.