Polizei Sachsen: Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in der Ausbildung

Rassismus unter Polizei-Anwärtern : „Wir hassen alle Afrikaner“

Ein junger Kölner hat bei der Polizei in Sachsen Fremdenfeindlichkeit erlebt und seine Erlebnisse öffentlich gemacht. Was er heute macht – und wie die Polizei in NRW ähnliche Vorfälle verhindern will.

Simon Neumeyer überlegt lange, bevor er antwortet. Er wägt ab. Doch in der Zeit zwischen Herbst 2016 und Mai 2017 hat sich für den mittlerweile 21-jährigen Kölner ein klares Bild ergeben: „Bei der Bereitschaftspolizei in Sachsen gibt es Leute, die eigentlich keine Polizisten sein sollten.“ Unter Auszubildenden und Ausbildern an der Leipziger Polizeiakademie seien abfällige Bemerkungen über Migranten und Minderheiten an der Tagesordnung gewesen. „Nicht alle Äußerungen waren Straftaten, aber Fremdenfeindlichkeit ist per se keine gute Eigenschaft, vor allem nicht für Polizisten“, sagt Neumeyer.

Er habe die Sprüche kritisiert, sagt er, sei aber ignoriert und in der Folge isoliert worden. Also kündigte er und zog von Leipzig zurück nach Köln – doch das Erlebte ließ ihn nicht los. Lange dachte er nach, stand mit verschiedenen Medien in Kontakt – und machte seinen Fall schließlich Mitte Oktober über die sozialen Netzwerke selber öffentlich. Dort postete er Chat-Verläufe aus seiner ehemaligen Ausbildungsgruppe, die fremdenfeindliche Witze und Einstellungen der ehemaligen Kollegen belegen. „Wir sind aus Cottbus, und nicht aus Ghana, wir hassen alle Afrikaner“, heißt es dort beispielsweise.

Ein Foto aus dem Archiv: Simon Neumeyer bei einem Training der Polizei in Leipzig. Foto: Simon Neumeyer/Privat

Neumeyers Veröffentlichungen lösten einigen Wirbel aus. Die Leipziger Polizei-Akademie berief eine Schulkonferenz ein, um die Vorfälle zu besprechen. Gegen einen Polizeischüler wurde ein Disziplinarverfahren eröffnet. Der Leiter der Bereitschaftspolizei erklärte: „Rassistisches Gedankengut hat in den Reihen der Polizei keinen Platz.“ Neumeyer selbst gab eine schriftliche Stellungnahme ab, in der er Namen von Vorgesetzten und ehemaligen Mitstreitern nannte. Eine Einladung zu einem persönlichen Gespräch in die Akademie lehnte er jedoch zunächst ab. „Ich möchte mich dort aktuell nicht öffentlich zeigen“, sagt er. In den sozialen Netzwerken wurde Neumeyer nach den Veröffentlichungen verunglimpft, er fürchtet Rache. „Mich beschimpfen Leute als 'Nestbeschmutzer', die in ihrem Profil 'Arbeit macht frei'-Fotos stehen haben. Das spricht für sich“, sagt er. Besagter Spruch prangte in der NS-Zeit über dem Eingangstor zum Konzentrationslager Auschwitz.

Dass der junge Kölner vor ziemlich genau zwei Jahren überhaupt nach Sachsen zog, hat vor allem mit den verschiedenen Ausbildungswegen in den Polizeidienst zu tun. So können sich beispielsweise in Nordrhein-Westfalen nur Menschen mit Hochschulreife für das duale Studium zum gehobenen Polizeidienst bewerben – und die Konkurrenz ist so groß wie nie: 11.200 Bewerber für 2300 Stellen gab es in diesem Jahr. Drei Jahre dauert die Kombination aus praktischer Ausbildung und theoretischem Studium, an dessen Ende eine Bachelorarbeit steht. Die Durchfall- und Abbruchquote liegt aktuell bei rund zwölf Prozent.

Neumeyer hält diese Form der Akademisierung der Polizeiausbildung für „richtig und wichtig, um die Qualität des Personals zu gewährleisten.“ Er selbst war während der Bewerbungsphase erst auf dem Weg zum Fachabitur und meldete sich deshalb nur in jenen Bundesländern, die noch eine Ausbildung mit mittlerer Reife zum mittleren Dienst anbieten. Dazu gehören Rheinland-Pfalz, Niedersachsen oder eben Sachsen. „Von dort kam dann am schnellsten eine Zusage“, sagt Neumeyer.

Fast genauso schnell war er dort wieder weg. Mittlerweile studiert der Kölner in seiner Heimatstadt im dritten Semester Immobilienmanagement. „Damit bin ich erstmal sehr zufrieden. Ich bin noch jung, ich kann später immer noch Polizist werden, ausschließen will ich das nicht“, sagt Neumeyer. Denn seine Motivation „für eine freiheitlich-demokratische Grundordnung einzustehen“ sei immer noch vorhanden.

Mit seinem Fachabitur-Abschluss könnte er sich nun auch in NRW für den Dienst bewerben. Doch ganz gefeit vor Fällen wie in Sachsen ist man auch hier nicht. 2014 wurde in Aachen ein Anwärter aus dem Dienst entlassen, weil er eine Kommilitonin fremdenfeindlich beleidigte. „Solche Vorfälle dulden wir in keiner Form. Sie werden geahndet und führen bei Anwärtern zur Entlassung“, sagt Victor Ocansey, Sprecher der zuständigen Polizei-Ausbildungsbehörde LAFP. Seit diesem Jahr müssen der Behörde sämtliche Fälle von Fehlverhalten im Rahmen der Ausbildung gemeldet werden. „Vergleichbare Fälle wie der mutmaßliche in Sachsen oder dem vor vier Jahren in Aachen sind uns seither nicht bekannt geworden“, sagt Ocansey.

Auch Gespräche mit aktiven Anwärtern, die diese Redaktion geführt hat, weisen aktuell nicht auf derartige Vorfälle hin. Einer, der öffentlich Stellung bezieht, ist Philipp Anhalt. Der 19-Jährige studiert an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Gelsenkirchen und absolviert seine praktische Ausbildung bei der Polizei Mülheim. Er sagt: „Wir sind 30 Leute im Studienkurs. Klar frotzelt man manchmal, aber der Zusammenhalt ist insgesamt groß und rassistische Sprüche oder jegliche Form von Mobbing würde hier keiner akzeptieren.“

Was vielleicht auch daran liegt, dass immerhin über 700 der aktuell 6400 Anwärter in NRW selbst einen Migrationshintergrund haben. Und schon wer sich für den Polizeidienst bewirbt, wird im Auswahlprozess zu seiner „Werteorientierung“ befragt. LAFP-Sprecher Ocansey sagt: „Polizistinnen und Polizisten müssen über jeden Verdacht erhaben sein, fremdenfeindliche und diskriminierende Anschauungen zu vertreten und zu dulden.“

(cbo)
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