Pianist Roberto Szidon gestorben

Pianist Roberto Szidon gestorben

Als er 1993 nach Düsseldorf an die Robert-Schumann-Hochschule kam, ging ein Raunen durch die Stadt. Hatte dieser Pianist nicht alle Ungarischen Rhapsodien Franz Liszts aufgenommen? Galt er nicht als Experte für die verruchten Sonaten Skrjabins? Beschäftigte er sich nicht auch mit Charles Ives' "Concort-Sonate"? Und nahm er nicht unter dem berühmten Gelbetikett der Deutschen Grammophon Gesellschaft auf?

Der Brasilianer Roberto Szidon, 1941 geboren, war als Experte für lateinamerikanische Musik zur DGG gekommen, für die er etwa die hierzulande komplett unbekannten Klavierwerke seines Landsmanns Radamés Gnatalli aufnahm. Auch Werke von Heitor Villa-Lobos zählten zum Kanon dieses beeindruckenden Musikers. Mit neun Jahren hatte er in seiner Heimatstadt Porto Alegre debütiert, später hatte er unter anderem bei Claudio Arrau studiert. Im Alter von 25 Jahren kam er nach Deutschland, begab sich in die Dienste der DGG – und übernahm später eine Klavierprofessur in Düsseldorf (als Nachfolger von David Levine). Einer seiner namhaften Schüler ist Tobias Koch.

Jetzt ist Szidon 70-jährig gestorben. Er bleibt uns als virtuoser Pianist mit großem Herzen in Erinnerung. Gewiss war dieser Temperamentsmusiker kein Originalklangfetischist, und wenn er Bach unterrichtete, spürte man immer einen glühenden romantischen Kern. Aber sein Liszt war oberste Kategorie. Für Düsseldorfer unentbehrlich sind seine schönen Aufnahmen aller Werke für Violine und Klavier von Robert Schumann (mit der Geigerin Jenny Abel) und natürlich die Platte mit Schumann-Liedern und dem Bariton Thomas Quasthoff. WOLFRAM GOERTZ

(RP)
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