Yannic Hendricks - der bekannteste Abtreibungsgegner Deutschlands

Yannic Hendricks : Der Abtreibungsgegner, der sich keinen Namen machen will

Yannic Hendricks zeigt seit Jahren Ärztinnen und Ärzte an, die in seinen Augen gegen das Werbeverbot für Abtreibung verstoßen. Doch seine Identität will der 28-jährige Klever mit allen Mitteln aus der Öffentlichkeit halten. Eine Spurensuche.

Wenn es nach Yannic Hendricks ginge, dann stünde hier ein anderer Name. Oder besser noch: gar kein Name. Ja, das allerbeste wäre, niemand würde über ihn berichten. Doch Deutschlands prominentester Abtreibungsgegner hat sich auch dadurch einen Namen gemacht, dass er sich keinen Namen machen möchte – notfalls zieht er auch vor Gericht, damit dieser nicht in der Öffentlichkeit genannt wird. Dass er mit diesem Anliegen vorerst gescheitert ist, macht schon der Wikipedia-Eintrag klar, den es zu einem Namen gibt. Der wurde 2019 bereits mehr als 30.000 mal aufgerufen.

Wer mit Hendricks darüber sprechen möchte, warum er sich so sehr gegen Abtreibung einsetzt, dass er Ärztinnen und Ärzte anzeigt, die in seinen Augen gegen das Werbeverbot für Abtreibung verstoßen (§219a), der kommt nicht weit. Wer ihm einen Brief schickt und um ein Interview bittet, erhält Antwort von seinem Anwalt in Köln. Der Mandant lehne die Anfrage höflich ab. Außerdem weist er darauf hin, dass in der Berichterstattung der Mandant nicht zu erkennen sein dürfe. Eine Ansicht, die zuletzt das Landgericht Düsseldorf nicht teilte und den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung ablehnte, die dem Online-Medium Buzzfeed untersagt hätte, Hendricks‘ Namen zu nennen. Begründung: Das öffentliche Informationsinteresse überwiegt gegenüber den Persönlichkeitsrechten. Er habe durch seine Anzeigen und ein Interview (das er im Frühjahr 2018 unter Pseudonym gab) selbst zur Debatte um das Werbeverbot beigetragen. Hendricks hat Berufung eingelegt. Vor wenigen Tagen entschied auch das Landgericht Hamburg in einem ähnlichen Fall gegen ihn.

In der Schule fühlte er sich recht verloren

Hendricks hat sich also entschieden, nicht mehr in der Öffentlichkeit zu sprechen. Er schweigt, obwohl er in der Diskussion eine wichtige Rolle spielt. Zu gerne würde man wissen, was ihn antreibt. Was lässt sich über seinen Werdegang und seine Motive herausfinden?

Yannic Hendricks wächst in einem Stadtteil von Kleve am Niederrhein auf, in einem Neubaugebiet. Es ist eines jener Neubaugebiete, aus denen man entweder ausbricht - oder in denen man für immer bleibt. Die Post des 28-jährigen, Jahrgang 1990, wird jedenfalls noch heute an sein Elternhaus zugestellt. Als Kind spielt er Schach im Verein. Die Ergebnisse, die man von ihm im Internet findet, bescheinigen ihm kein übermäßiges Talent. Er besucht das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Kleve, wo er 2010 sein Abitur macht. Prüfungsfächer: Mathematik, Physik, Englisch, Religion.

Viel Umgang mit anderen scheint er in der Schule nicht gehabt zu haben. Ein früherer Mitschüler auf dem Gymnasium berichtet, dass Hendricks im Verlauf der Schulzeit mehr und mehr zum Außenseiter wurde. „Ich glaube nicht, dass er viele Kontakte zu Mitschülern hatte. Schach und Mathematik waren wohl lange Zeit die Hauptbeschäftigung. In der Oberstufe hat die Stufe versucht, alle, ihn inklusive, etwas mehr zu integrieren in den Stufenverbund. Ich denke, dass er sich auch hierbei recht verloren fühlte.“ Er beschreibt Hendricks als „in sich gekehrt“ und erzkatholisch. In der Abizeitung wird er als „Mathe-Genie unseres Vertrauens“ bezeichnet. Bei der Umfrage, wer am hilfsbereitesten ist, landet er auf Platz 3. Nach dem Abitur beginnt er ein Mathematik-Studium an der Universität Duisburg-Essen.

Einige Male nimmt er an Veranstaltungen der „Jugend für das Leben“ teil, die Jugendgruppe von „Alfa“, einer Organisation, die sich vehement gegen Abtreibung einsetzt. Es gibt Facebook-Fotos, die ihn bereits 2015 dort zeigen. Ein Vorstandsmitglied von „Jugend für das Leben“ bestätigt die Teilnahmen, Mitglied des Vereins sei Hendricks allerdings nie gewesen. 2015 beginnt er auch, Anzeigen gegen Ärztinnen und Ärzte zu erstatten, die auf ihrer Webseite darauf hinweisen, dass sie Abtreibungen vornehmen - ein Verstoß gegen den Paragrafen 219a. 60 bis 70 Anzeigen kommen laut Hendricks‘ so bis 2018 zusammen, darunter auch eine Anzeige gegen die Ärztin Kristina Hänel. Als diese sich wehrt, löst das eine Debatte um den Paragrafen aus, die bis heute andauert – obwohl er mittlerweile reformiert wurde. Ärzte dürfen nun auf ihrer Webseite darüber informieren, dass sie Abtreibungen vornehmen – für alle weiteren Informationen müssen sie aber auf andere Webseiten verweisen.

„Ich mache das für mich“

Was sein Engagement gegen Abtreibung ausgelöst hat, ist eine Frage, die nur Hendricks selbst beantworten könnte. Noch bevor sein Name öffentlich wurde, gelang es der Journalistin Gaby Mayr, ihn zu einem Interview zu treffen, das später im Deutschlandradio und der Taz erschien. Hendricks trat dort unter dem Pseudonym Markus Krause auf. Begründung: „Leider gibt es einige gewaltbereite linke Abtreibungsbefürworter. Vor denen möchte ich mich schützen.“

Laut des Interviews interessiert ihn das Thema Abtreibung seit seiner Schulzeit. „Und da bin ich natürlich auch irgendwann auf den Paragraphen 219a gestoßen: Ob das umgesetzt wird. Ob sich daran Ärzte auch halten. Und habe dann festgestellt, dass das vielfach nicht so ist.“ Er unterstellt den Ärzten unter anderem ein finanzielles Interesse, eine schwangere Frau zur Abtreibung zu drängen. „Das ist halt so mein Hobby“, sagt er über die Anzeigen. „Ich mache das für mich. Ich bin nicht in irgendwelchen Vereinen, Initiativen tätig. Ich mache das ganz für mich alleine, also da weiß niemand etwas von.“

Dass seine Motive einen religiösen Hintergrund haben, bestreitet er. „Mit meiner religiösen Einstellung hat das nichts zu tun. Ich versuche, das Leben zu schützen im Rahmen dessen, was der Gesetzgeber vorgegeben hat. Meines Erachtens ist es schon ab dem ersten Tag der Befruchtung ein Mensch.“ Er glaubt, er als Mann könne das viel besser beurteilen, denn: „Die Tatsache, dass ich ein Mann bin und keine Frau, also nicht selber schwanger werden kann – ich kann deshalb auch nicht so voreingenommen sein. Sondern auch objektiv damit umgehen.“

Eike Sanders ist Co-Autorin des Buches „Kulturkampf und Gewissen: Medizinethische Strategien der ,Lebensschutz‘-Bewegung“. Sie hält Hendricks für einen typischen Vertreter der Anti-Abtreibungs-Bewegung in Deutschland. „Ich vermute einen religiösen Hintergrund.“ Mitglieder dieser Bewegung veranstalten Demos oder machen so genannte Gehsteig-Beratungen. Das heißt, sie sprechen Frauen unter anderem mit hochauflösenden Fotos von Embryos vor Arztpraxen an, die Abtreibungen vornehmen, oder vor Beratungseinrichtungen. Ihre Mitglieder kommen von den Evangelikalen, aus christlichen Kleinstparteien, der CDU/CSU, aus sehr konservativen Teilen der katholischen Kirche, der Neuen Rechten oder der AfD und sie wollen Schwangerschaftsabbrüche erschweren. „Sie haben nicht unglaublichen Zulauf, aber eine viel größere Sichtbarkeit“, sagt Sanders. Ihrer Erfahrung nach hätten sie zwei Erzählungen: die vom Niedergang des Christentums und die von der Re-Traditionalisierung des Familienmodells. „Sie wollen nicht als religiöse Spinner dastehen, aber ihre Motivation ist religiös.“ Für diese Leute beginne das Leben mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, eine absolute Definition. „Sie machen Politik mit ihrem individuellen Gewissen.“

Dass sein Glauben Einfluss auf seine Handlungen hat, legt Hendricks im Interview nahe. Dort berichtet er, dass er eine Freundin hat. „Wir wollen bis zur Ehe enthaltsam leben.“ Kein Sex vor der Ehe – eine Haltung, die nur von stark religiösen Menschen bekannt ist.

Hendricks erwähnt in dem Interview auch den anderen Mann, der Ärztinnen wegen des Verstoßes gegen den Paragrafen 219a in Deutschland anzeigt, Klaus Günter Annen. Auf die Frage, ob der ihn inspiriert habe, antwortet Hendricks: „Das kann man so sagen.“

Annen ist Betreiber der Webseite babykaust.de, der Name spielt auf den Holocaust an. So wie Hendricks spricht auch Annen nicht mit der Presse. 2006 gab er der Webseite „Muslim Markt“ allerdings ein Interview, aus dem hervorgeht, dass seine Motive eindeutig religiös sind. Ihm sei klar geworden, dass sogar „Vorzeigechristen“ sich nicht an die Gebote Gottes hielten: „Ich möchte hier nur sehr schwerwiegende Bereiche nennen: Scham- und Zügellosigkeit, Sex bereits vor der Ehe, Abtreibungsmord, Homosexualität, Euthanasie.“ Die Abtreibungen sind für ihn schlimmer als der Mord an sechs Millionen Juden im Zweiten Weltkrieg: „Weltweit werden jährlich circa 60 bis 80 Millionen ungeborene Menschen ermordet. Angesichts solcher Zahlen kann man sich schon die Frage stellen: Was war da der Holocaust?“ Selbst bei einer Vergewaltigung hält er eine Abtreibung für eine Sünde. „Sollte die Mutter tatsächlich mit der sicher schwierigen Situation nicht zurechtkommen, so kann sie das Kind zur Adoption freigeben.“

Auch Yannic Hendricks geht bei seinem Schutz für ungeborenes Lebens sehr weit. Im Interview sagt er, wenn sich eine befruchtete Eizelle statt in der Gebärmutter in den Eierstöcken einnistet, ist sie ja befruchtet, „also bereits zu dem Zeitpunkt als Mensch zu sehen.“ In seinen Augen ist die Eizelle deshalb „nach Möglichkeit zu schützen“. Eine Eileiterschwangerschaft ist lebensbedrohlich für die Frau, wenn die befruchtete Eizelle nicht entfernt wird.

Doch auch wenn die Menschen, die sich vehement gegen Abtreibung einsetzen, nicht zum Mainstream der Gesellschaft gehören, so zeigt ihr Handeln doch Wirkung. So werde es laut Eike Sanders für Frauen immer schwerer, eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Viele Ärztinnen aus der Frauenbewegung der 70er, die Abtreibungen vornehmen, gehen in Rente, es kommen weniger neue Ärztinnen nach, die ihre Arbeit übernehmen.

Das ist auch im Kreis Kleve so, dem Heimatkreis von Yannic Hendricks. Dort gibt es zwar Beratungsstellen, die Frauen besuchen müssen, bevor sie eine Abtreibung vornehmen lassen. Doch einen Arzt oder eine Ärztin, die diese Abtreibung vornimmt, gibt es dort nicht mehr. Dazu müssen die Frauen in die Nachbarkreise fahren. Oder gleich in die Niederlande.

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