Wuppertal: 23-Jährige sprang mit Kind ins Gleisbett

Prozess um versuchten Mord in Wuppertal : Albtraum an Bahnsteig 5

Ein Mann schnappt sich im Wuppertaler Hauptbahnhof einen kleinen Jungen und springt mit ihm vor einen einfahrenden Zug. Im Prozess vor dem Wuppertaler Landgericht hat der 23-Jährige gestanden. Verurteilt wird er wohl nicht.

Nach etwas mehr als einem halben Jahr sieht Carla B. (Namen geändert) am Dienstagmorgen den Mann wieder, der ihren fünfjährigen Sohn in größte Lebensgefahr gebracht hat. Die 24-Jährige soll als Zeugin im Prozess gegen ihn im Wuppertaler Landgericht aussagen. Doch sie schafft es nicht, springt auf und rennt aus dem Saal. Der Vorsitzende Richter der 4. Großen Strafkammer geht zu ihr und sagt wenige Minuten später: „Sie ist im Flur zusammengebrochen. Wir müssen auf die Zeugin verzichten.“

Auf der Anklagebank sitzt Arian G., 23 Jahre alt, klein und schmal. Sein Blick flackert, er zittert und wirkt komplett orientierungslos. Er ist psychisch krank, war während der Tat schuldunfähig, wie ein Gutachten ergeben hat. Der Prozess wegen versuchten Mordes läuft deshalb als so genanntes Sicherungsverfahren. Die Staatsanwaltschaft will erreichen, dass er dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik untergebracht wird.

Arian G. gesteht, den Fünfjährigen am Abend des 12. April im Wuppertaler Hauptbahnhof an einem Bahnsteig geschnappt zu haben und mit ihm ins Gleisbett gesprungen zu sein. Er lief auf eine einfahrende S-Bahn zu, den Jungen hob er dabei hoch. Dann warf er sich mit dem Kind ins Gleisbett. Der Lokführer leitete eine Notbremsung ein, der tonnenschwere Zug rollte trotzdem über den Mann und das Kind hinweg und kam erst über ihnen zum Stehen.

Der Vater lief ihm nach

„Es ist allein dem glücklichen Zufall und der schnellen Reaktion des Lokführers zu verdanken, dass der Junge nicht getötet wurde“, sagt die Staatsanwältin. Er kam zwar mit dem Zug in Berührung, erlitt aber nur eine Schürfwunde am Kopf. Der 23-Jährige hatte das Kind vor sich festgehalten, während er selbst auf dem Rücken im Gleisbett lag.

Der Junge hatte damals mit seinen Eltern und den beiden Geschwistern am Bahnsteig 5 gewartet. „Die Kinder hatten Spaß, lachten“, sagt der Vater im Zeugenstand. Plötzlich habe der Fremde seinen Sohn weggerissen. „Dich nehm ich mit zum Tod“, soll er zu dem Jungen gesagt haben. Der 34-jährige Familienvater rannte dem Mann nach und sprang ins Gleis. „Ich konnte sie nicht sehen, sie waren schon unter dem Zug“, sagt er. Auch er wirkt wie seine Frau immer noch aufgewühlt. Er habe sich neben den Zug gelegt, um seinen Sohn zu sehen. „Er rief Papa, Papa, aber der Mann hat ihn festgehalten.“ Er habe den Täter getreten und ihm den Jungen an einem Bein entrissen. „Dann waren auch schon andere Leute da, denen ich meinen Sohn geben konnte“, sagt er. Der Junge sei eigentlich heute wieder ein „fröhliches Kerlchen“ – vor allem in geschützter Umgebung wie dem Kindergarten oder zu Hause. „Er wird aber immer panisch, wenn Leute schnell an ihm vorbeigehen, dann schreit er und klammert sich an uns“, sagt der Vater. Und mit Zügen wolle sein Sohn auch nicht mehr fahren.

Der Beschuldigte stammt aus Indien und lebte vor der Tat in einer Asylunterkunft in Gelsenkirchen. Bei seiner Vernehmung hatte er gesagt, ein Geist habe ihn auf dem Bahnsteig verfolgt. Er habe ständig Kinderstimmen gehört, sagt er im Prozess. Eine Vernehmung ist allerdings kaum möglich. Warum kam er an dem Tag nach Wuppertal? Aus welchem Grund griff er sich den Jungen? Arian G. kann keine Antworten geben. „Ich habe das Gefühl, ich erreiche Sie nicht“, sagt der Vorsitzende schließlich.

Am Mittag betritt Jürgen R. den Gerichtssaal, der Lokführer. „Ich bin schwer nervös“, sagt der 52-Jährige. Fünf Wochen war er krank geschrieben nach jenem Apriltag. Nun erinnert er sich noch einmal an alles: „Es war Rush Hour, kurz nach 18 Uhr, da ist der Bahnsteig immer voll“, sagt er. „In so einer Situation hab ich die Hand immer am Bremshebel.“ Auf einmal habe er den Mann mit dem Kind gesehen. „Der rannte auf mich los. Ich hab nur noch mit einer Schnellbremsung reagiert.“ Doch die Spitze des Zuges schob sich über den Mann und das Kind hinweg. Der Lokführer stand langsam auf und versuchte, die beiden durch die Frontscheibe zu sehen. „Aber sie waren im toten Winkel – da weiß man: Dann sind sie unter dem Zug.“ Er blieb sitzen, „es war wie eine Ewigkeit“, sagt er. Irgendwann habe jemand die Tür aufgemacht und ihm gesagt: „Alle sind unverletzt.“ Erst am Abend habe er eine Aussage machen können, so fertig sei er gewesen. Der Vorsitzende sagt: „Sie haben wunderbar reagiert.“

Am Donnerstag fällt die Kammer eine Entscheidung über die Unterbringung von Arian G..