Zahl der Bedürftigen "zu hoch": Wohlfahrtsverbände greifen Tafeln an

Zahl der Bedürftigen "zu hoch" : Wohlfahrtsverbände greifen Tafeln an

Die Hilfsorganisationen kritisieren, dass es immer mehr Standorte der Lebensmittelausgabe gibt — die meisten davon in NRW. "Unser Land soll nicht zum Almosenstaat verderben", sagt der Mettmanner Bereichsleiter der Caritas.

Sie bieten Bananen, Kopfsalat und Joghurt wie jeder Supermarkt, allerdings mit einem Unterschied: Bei den Tafeln sind die Waren nicht mehr ganz frisch. Die Hilfsorganisation, die aussortierte Lebensmittel an Bedürftige verteilt, ist ein Erfolgsmodell — allerdings aus einem Grund, der die Wohlfahrtsverbände wenig erfreut.

"Es kann nicht sein, dass die Zahl der Tafeln so exorbitant gestiegen ist", sagt der Bereichsleiter der Caritas in Mettmann, Thomas Rasch. "Es ist ein Armutszeugnis, dass in unserem Sozialstaat scheinbar so viele Tafeln nötig sind." Er sieht ein Versagen der Bundesregierung. "Sie muss sich fragen lassen, ob sie mit der Lebensmittelverteilung nicht aus der Verantwortung entlassen wird."

Die Zahl der Tafeln hat sich seit der Einführung von Hartz IV in Deutschland mehr als verdoppelt. 2004 gab es 430 Standorte, aktuell sind es 906 — und mit 163 Standorten liegt NRW an der Spitze. Rasch befürchtet, dass sich die Tafel-Kunden zu sehr auf die Gratis-Warenausgabe verlassen. "Wir wollen, dass die Menschen würdig leben und sich nicht von milden Gaben abhängig machen", sagt er. "Unser Land soll nicht zum Almosenstaat verderben." Auch andere Wohlfahrtsverbände kritisieren das Prinzip. "Lebensmittelausgaben sind keine Instrumente der regulären Existenzsicherung", sagt der Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege NRW, Hermann Zaum. "Sie dürfen nicht dauerhaft etabliert werden."

Zahl der Bedürftigen "zu hoch"

Das Problem: Die Tafeln sind längst etabliert. Sie unterstützen etwa 1,5 Millionen Bedürftige, darunter 17 Prozent Rentner, 30 Prozent Kinder und Jugendliche sowie 53 Prozent Erwachsene im erwerbsfähigen Alter, vor allem Spätaussiedler, Migranten und Sozialgeld-Empfänger. Sie stehen täglich vor den Tafel-Läden an und bitten um Spenden. Sie bekommen das, was die Supermärkte nicht mehr verkaufen wollen — und dürfen.

Der Vorstand der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, der Grevenbroicher Uwe Becker, empfindet die Zahl Bedürftiger als "deutlich zu hoch". Er sieht in der Anzahl der Tafeln die Folge zweier Skandale: die zunehmende Armut in Deutschland und der Lebensmittelüberschuss. Im März gab es etwa 4,4 Millionen erwerbsfähige Hartz-IV-Empfänger. Laut Bundesregierung landen jährlich etwa 20 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll.

"Ein Tagessatz von 4,30 Euro für Lebensmittel gewährleistet zwar das Überleben, aber ein Leben in Würde ist damit nicht möglich", sagt Becker. Der Wert errechnet sich aus der Vorgabe, nach der seit 1. Januar pro Monat 132,71 der 382 Euro für Ernährung vorgesehen sind.

Höhere Hartz-IV-Sätze gefordert

Die Tafel-Kritiker fordern, dass mehr dafür getan wird, Bedürftigen einen selbstbestimmten Einkauf zu ermöglichen — zum Beispiel durch höhere Hartz-IV-Sätze. "Der Gesetzgeber hat für eine bedarfsgerechte Berechnung der Regelsätze zu sorgen und darf individuelle Rechtsansprüche nicht mit dem Verweis auf Tafeln abbauen", sagt Hermann Zaum. Thomas Rasch ergänzt, dass "wir den Menschen helfen müssen, auf eigenen Füßen zu stehen". Er schlägt vor, dass man den Bedürftigen zeige, wie man auch bei einem Discounter gut und günstig einkaufen und die Lebensmittel zubereiten kann.

Die Vorsitzende der Tafel in Mönchengladbach, Monika Bartsch, empfindet den Beitrag, den die Bundesregierung leistet, als hilfreich — und die Tafel als zusätzliche Hilfeleistung. "Wenn man Geld investieren müsste, dann in Betreuer, die Bedürftige dabei unterstützen, ihren Haushalt zu strukturieren", sagt sie. "Dabei ist die Tafel eine gute Sache für alle", meint die ehemalige Gladbacher Oberbürgermeisterin (CDU, 1997 bis 2004). "Ansonsten würden Lebensmittel weggeschmissen, was in der Entsorgung eine Menge Geld kostet."

Moralischer Gewinn

Die Wohlfahrtsverbände kritisieren das Vorgehen der Supermärkte. "Es scheint nur auf den ersten Blick wohltätig, wenn sie ihre abgelaufenen Waren von den Tafeln abholen lassen", sagt Thomas Rasch. "Für sie geht es vielmehr darum, die Entsorgungskosten zu sparen." Hermann Zaum meint, Unternehmen nutzten Bedürftige als "vermeintlich dankbare Entsorger".

Die Lebensmittelindustrie ziehe daraus neben der Einsparung und der Steuerersparnis (aufgrund ausgestellter Spendenquittungen) einen moralischen Gewinn. Darum kritisiert die Freie Wohlfahrtspflege die Schirmherrschaft, die Politiker seit Jahren übernehmen. "Dieses Zusammenspiel verstärkt die Annahme, Leistungsempfänger könnten auf die Mildtätigkeit der Zivilgesellschaft verwiesen werden", meint Zaum.

(RP/jre)