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Sorge um Kindeswohl in NRW: „Wir sind froh um jeden Hinweis, der bei uns eingeht“

Sorge um Kindeswohl in NRW : „Wir sind froh um jeden Hinweis, der bei uns eingeht“

Wie oft mussten die Jugendämter in NRW die Situation eines Kindes beurteilen? - Diese Frage hat das Statistische Landesamt NRW am Dienstag beantwortet. Ergebnis: Häufig werden die Jugendämter unnötig informiert. Wie kommt das?

Wenn ein Kind in seinem Zuhause nicht sicher zu sein scheint, rufen Nachbarn, Verwandte, Schule oder Polizei beim Jugendamt an. In 41 Prozent aller möglichen Fälle von Kindeswohlgefährdung in NRW entschieden die Jugendämter 2017 aber, dass keinerlei Hilfe nötig war. Der Verdacht hat sich also in 16.348 von 39.478 Hinweisen nicht bestätigt, das zeigen die vom Landesamt für Statistik IT.NRW veröffentlichten Zahlen.

Dieses Verhältnis gilt auch auf Kreisebene. Die Zahlen sind ähnlich.

Hier einige Beispiele:

Düsseldorf: In 709 von 1255 Fällen war keinerlei Hilfe nötig. In 73 Fällen bestand eine akute Gefahr für das Kind.

Duisburg: In 835 von 1858 Fällen war keinerlei Hilfe nötig. In 180 Fällen bestand akute Gefahr für das Kind.

Köln: In 2386 von 3855 Fällen war keinerlei Hilfe nötig. In 303 Fällen bestand eine akute Gefahr für das Kind.

Für Düsseldorf bedeuten diese Zahlen, dass das Jugendamt in mehr als 56 Prozent der Fälle unnötig informiert wird. Wie kommt es zu dieser Entwicklung? „Jede zweite Polizeimeldung, die bei uns eingeht, entpuppt sich letztlich als unhaltbarer Verdacht“, sagt Johannes Horn, Leiter des Jugendamtes Düsseldorf. „Aber wir sind froh um jeden Hinweis, der bei uns eingeht. Nur so können wir überhaupt aktiv werden.“ Das Jugendamt Düsseldorf kooperiert inzwischen mit vielen Einrichtungen und Behörden. So gibt es die Absprache, dass jeder Fall von häuslicher Gewalt, in dem ein Kind beteiligt ist, auch an das Jugendamt gemeldet wird. „Das kann eine einmalige Sache sein, aber es kann auch ein grundsätzliches familiäres Problem sein, und dann wollen wir unsere Hilfe anbieten können. Diese Fälle gehen aber auch alle in die Statistik ein“, sagt Horn.

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In Köln entpuppen sich sogar 61 Prozent der Fälle als unbegründeter Verdacht. „Wir kooperieren sehr intensiv mit Behörden und Einrichtungen wie Schulen, um ein Bewusstsein für entsprechende Signale zu wecken“, sagt Stephan Glaremin, Jugendamtsleiter in Köln. „Dadurch steigt aber auch die Zahl von Verdachtsfällen, die am Schluss - zum Glück - oft unbegründet sind.“

Häufig unterstützt das Jugendamt Eltern bei der Erziehung. „In den meisten Fällen helfen wir zum Beispiel durch eine Tagesmutter die erzieherische Situation zu verbessern“, sagt Horn. Die Zahlen spiegeln das auch wieder. Die Fälle in denen keine Kindeswohlgefährdung besteht, aber Hilfe nötig war, übersteigen die anderen weit.

Datenpanne in Herne

Nur in zwei Städten lassen sich deutliche Unregelmäßigkeiten feststellen: in Essen und in Herne.

80,89 Prozent unnötige Mitteilungen an das Jugendamt in Herne wären eingegangen – wenn die Zahlen, die das Jugendamt an das Landesamt für Statistik IT.NRW schickt, stimmen würden. Demnach musste das Jugendamt in Herne vergangenes Jahr 895 mal einschätzen, ob das Kindeswohl gefährdet war oder nicht. Diese Zahl ist vermutlich richtig. Nicht richtig ist aber, dass in 724 dieser Fälle befunden wurde, dass weder eine akute Gefahr für das Kind noch Hilfsbedarf für die Familie besteht. „Diese Zahl stimmt nicht“, sagt ein Sprecher der Stadt Herne im Gespräch mit unserer Redaktion. „Hintergrund ist, dass wir ein neue Software bekommen haben und die hat zwei verschiedene Zahlen miteinander vermischt.

Vermischt wurden folgende Zahlen:

  • Fälle in denen das Jugendamt zwar Handlungsbedarf festgestellt hat, aber der Fall nach der Hilfe abgeschlossen war.
  • Fälle in denen gar kein Handlungsbedarf festgestellt wurde.

„Weil diese beiden Fallzahlen von der neuen Software zusammengeworfen wurden, ist die Zahl ungewöhnlich hoch. Und auch viel höher als die vergangenen Jahre“, sagt der Sprecher. Zum Vergleich: 2016 gab das Jugendamt in Herne an in 296 Fällen keinen Handlungsbedarf zu sehen, 2015 in 240 Fällen.

Auch in Essen geben die Zahlen zu denken. Dort gab es mit 1827 Fällen deutlich mehr Verdachtsfälle als etwa in Düsseldorf. oder Dortmund. Die Zahl der akuten Fälle liegt mit 411 zudem im Verhältnis zu anderen größeren Städten sehr hoch und die Zahl der unbegründeten Verdachtsfälle mit 413 sehr niedrig. Eine Erklärung zu den Zahlen war vom Jugendamt in Essen auf Anfrage nicht zu bekommen.