Portigon-Chef Kai Wilhelm Franzmeyer "Wir müssen die Kunst verkaufen"

Der Vorstandsvorsitzende der WestLB-Nachfolgerin über die Pläne für die viel diskutierte Kunstsammlung der Bank, die wirtschaftlichen Zwänge dabei und über die Chancen für den Verbleib der Werke in Nordrhein-Westfalen.

 Portigon-Chef Kai Wilhelm Franzmeyer.

Portigon-Chef Kai Wilhelm Franzmeyer.

Foto: Portigon

Portigon wird abgewickelt. Was wird aus der Kunstsammlung der Bank?

Franzmeyer Es gibt derzeit viel Aufregung um Kunstverkäufe von Unternehmen in Staatsbesitz. Ausgelöst wurde die Debatte durch den Verkauf von zwei Warhol-Gemälden aus Beständen der Westspiel-Gruppe. Wir haben uns daher entschieden, den Umgang mit unserer Kunstsammlung so transparent wie möglich zu gestalten.

Wird die Sammlung verkauft?

Franzmeyer Es gibt zum Verkauf der Portigon-Kunstsammlung keine Alternative. Wir haben in diesem Punkt auch keinen Handlungsspielraum. Aufgrund von Vorgaben der EU-Kommission muss Portigon abgewickelt werden. Das bedeutet: Wir müssen die Bilanz auf Null setzen, also sämtliche Vermögensgegenstände - und damit auch die Kunstsammlung, die ja Teil des Betriebsvermögens ist, - verwerten. Und zwar bestmöglich verwerten, um unsere Verpflichtungen gegenüber Dritten erfüllen zu können. Dieser rechtliche Rahmen ist an Klarheit nicht zu übertreffen.

Kann man die Portigon-Sammlung für die öffentliche Hand retten?

Franzmeyer Im Rahmen der gerade beschriebenen rechtlichen Bedingungen sind wir für konstruktive Vorschläge offen. Wenn eine öffentliche Einrichtung, zum Beispiel ein Museum, die Sammlung oder Teile davon übernehmen will, könnte sie uns Kunstwerke abkaufen. Einen Preisnachlass können wir aber auch Museen nicht gewähren, solange jemand anders mehr bietet. Das dürfen wir nicht, weil so etwas ein klarer Fall von Untreue wäre. Wir haben nichts zu verschenken, denn alles, was wir verschenken würden, wäre am Ende mit großer Wahrscheinlichkeit eine zusätzliche Belastung für den Steuerzahler.

Was, wenn die NRW-Landespolitik interveniert?

Franzmeyer Das Land NRW ist nicht alleiniger Kapitalgeber der Portigon. In Wahrheit treten das Land und der Bund für jeweils knapp die Hälfte und Dritte für den Rest der Verluste der Portigon ein. Eine Verwertung der Kunstsammlung zugunsten des Landes und zulasten von Portigon wäre daher eine unzulässige Benachteiligung der anderen Kapitalgeber. Wir wollen den Dialog. Aber klar ist auch: Wenn jemand die Kunst aus der Portigon-Sammlung in NRW halten will, muss er dafür den Marktpreis bezahlen.

Jenseits wirtschaftlicher und juristischer Fakten: Die Kunstsammlung hat ja auch einen emotionalen Wert. Kommen Sie den Kunstinteressierten des Landes trotzdem entgegen?

Franzmeyer Ja. Wir wissen, dass viele Interessierte in NRW den Verkauf der Sammlung als schmerzhaften Prozess erleben. Auch wir fänden es gut, wenn wichtige Teile des Kunstbestandes im Lande blieben. Wir tun, was wir können, um darauf Rücksicht zu nehmen. Konkret bringen wir als Portigon Zeit und Transparenz in den Prozess ein.

Was heißt das?

Franzmeyer Wir verkaufen nicht sofort. In einer Übergangszeit von ein bis zwei Jahren wollen wir ausgewählten Museen des Landes NRW und ähnlichen Einrichtungen die Möglichkeit geben, Teile der Sammlung bei uns zu leihen und auszustellen. Bei dieser Gelegenheit können die wichtigsten Werke einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden.

Welche Museen bekommen welche Exponate?

Franzmeyer Unter der Regie des NRW-Kulturministeriums kommt in Kürze ja ein Runder Tisch zusammen, um über den Umgang des Landes mit den Kunstsammlungen öffentlich-rechtlicher Unternehmen zu beraten. Unser Vorschlag: Dieser Runde Tisch könnte entscheiden, wer in welchem Umfang von unserem Leihangebot Gebrauch machen soll. Bedingung muss natürlich sein, dass die Museen oder andere Leihgabennehmer die Kosten tragen, die für Transport, Versicherung und andere Aufwendungen in diesem Zusammenhang entstehen. Das darf Portigon nicht übernehmen.

Wie hoch sind die Verpflichtungen, die Portigon noch erfüllen muss?

Franzmeyer Ende 2012 hatten wir Verpflichtungen von rund 100 Milliarden Euro. Die haben wir bis heute auf rund 25 Milliarden Euro gedrückt. Alle Ansprüche müssen wir aber aus unserem Vermögen bedienen, dazu gehört die Kunstsammlung. Ende 2011 haben die Kapitalgeber Portigon vier Milliarden Euro überlassen. Das muss reichen, wir wollen unseren Abwicklungsauftrag ohne weitere Staatshilfen erfüllen.

Wer hat beim Verkauf der Kunstsammlung das letzte Wort: Sie oder der Finanzminister?

Franzmeyer Viel zu entscheiden gibt es da angesichts der rechtlichen Leitplanken nicht. Aber für Portigon gilt: Wenn Kunst verkauft wird, informiert der Vorstand den Aufsichtsrat, der diese Entscheidung beeinflussen kann.

Das war ja nicht immer so: Die WestLB hat ja am Aufsichtsrat vorbei bereits einen Max Beckmann verkauft. . .

Franzmeyer Das ist korrekt - danach hat die Bank neue Regeln erarbeitet, die eine Wiederholung dieses Vorgangs ausschließen.

Gibt es schon Kaufinteressenten?

Franzmeyer: Ja, die gibt es. Aber wir stehen nicht unter unmittelbarem Zeitdruck.

Aber gegenwärtig werden für Kunst Rekordpreise gezahlt - müssen Sie die Gelegenheit nicht nutzen?

Franzmeyer: Wer weiß denn heute, ob der Verkaufszeitpunkt in zwei Jahren nicht noch besser ist? Außerdem: Wenn Museen Teile der Sammlung öffentlich sichtbar machen, könnte damit ja auch neues Interesse geweckt werden. Ich glaube nicht, dass unser Zeitplan dem Verkaufserlös schadet.

Wieviel ist die Sammlung wert?

Franzmeyer: Wir haben sie mit einem Buchwert in der Bilanz stehen, den wir öffentlich nicht kommunizieren.

Aber der tatsächliche Wert ist doch viel höher als der Buchwert?

Franzmeyer Das ist mit sehr großer Wahrscheinlichkeit so. Aber wieviel der Kunstbestand wirklich wert ist, wissen wir erst, wenn der verkauft ist.

Wann haben Sie die Sammlung das letzte Mal schätzen lassen?

Franzmeyer Es gibt Versicherungsgutachten, aber das sind Schätzwerte. Mehr Informationen möchte ich an dieser Stelle nicht verbreiten, weil das den Verkaufserfolg gefährden könnte.

Wie wollen Sie den Verkauf organisieren?

Franzmeyer Wir werden die Werke jedem interessierten Käufer zugänglich machen. Jeder wird früh genug wissen, was wann und wie verkauft wird. Vermutlich läuft es auf Auktionen hinaus.

Ist die Sammlung als Ganzes nicht mehr wert als ihre Einzelteile?

Franzmeyer Unsere Experten sagen: Nein. Weil es sich hier nicht um eine thematische Sammlung handelt.

THOMAS REISENER UND GEORG WINTERS FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

(RP)