Trachten erobern den Niederrhein: Wenn Mutter und Tochter Dirndl tragen

Trachten erobern den Niederrhein : Wenn Mutter und Tochter Dirndl tragen

In Landhausmodengeschäften und Kostümverleihen herrscht derzeit Hochbetrieb. Feierlustige Rheinländer bereiten sich auf die Oktoberfest-Saison vor. Ohne Dirndl und Lederhose geht da gar nichts – egal ob in Bayern oder an Rhein und Ruhr.

In Landhausmodengeschäften und Kostümverleihen herrscht derzeit Hochbetrieb. Feierlustige Rheinländer bereiten sich auf die Oktoberfest-Saison vor. Ohne Dirndl und Lederhose geht da gar nichts — egal ob in Bayern oder an Rhein und Ruhr.

Vor der Anprobe. Foto: Probst, Andreas

Der Bismarckplatz in Duisburg-Homberg ist schon aufgrund seines Namens eher ungeeignet als Ort bajuwarischer Festzelt-Gemütlichkeit. Und doch nehmen an dieser eher unwirtlichen Stätte viele der schönsten Oktoberfest-Erlebnisse ihren Anfang. Hier betreibt Kerstin Psondr (48) ihren Kostümverleih "Kunterbunt". Was derzeit am meisten gefragt ist, zeigt schon ein Blick in den Eingang ihres Geschäfts: Lederhosen und Dirndl in allen Größen und Farben. "Seit dem Ende der Sommerferien sind Trachten bei uns der Renner", sagt Kerstin Psondr. "Das Geschäft mit Dirndl und Lederhosen brummt."

Das Oktoberfest in München beginnt am 22. September, das in Xanten, das nach den Cannstatter Wasn das größte außerhalb Münchens ist, erst am 4. Oktober, und selbst die vielen als "Oktoberfest" getarnten heimischen Vereinsfeiern und blasmusikbegleitete Biergarten-Abende laufen erst so langsam an. Doch auch für diese Festivitäten gilt: Ohne Dirndl für die Dame und Lederhosen für den Herren geht selbst am Niederrhein gar nichts.

Das weiß auch die Essenerin Nadine Dubielzig (31). Sie hat gerade in einer Umkleidekabine des "Kunterbunt" zum ersten Mal in ihrem Leben ein Dirndl zugeschnürt. "Puh, ganz schön eng", sagt sie und nestelt am Corsagen-ähnlichen Oberteil.

Töchterchen Lenya (8) findet ihre Mama auf Anhieb so schick, dass sie unbedingt auch ein Dirndl anziehen möchte. Das darf sie zum Glück, denn die Anprobe verkürzt der Kleinen die Wartezeit beträchtlich. Das Teil in klassischem Rot-Grün passt der Mama zwar wie angegossen, aber sie findet den Look zu konservativ. "Wenn ich damit aufs Oktoberfest gehen wollte, würde ich es nehmen, aber ich möchte damit auf eine private ,Bayern'-Party." Da darf das Kleid ruhig ein wenig kürzer und der Ausschnitt ein bisschen tiefer sein. Und noch aus einem anderen Grund benötigt Dubielzig ein etwas freizügigeres Dekolleté: Ihr Liebster, Goldschmied von Beruf, hat ihr eigens fürs Dirndl ein gut zehn Zentimeter langes, in Gold eingefasstes Hirschhorn als Kettenanhänger geschenkt. Und der Mords-Trumm benötigt nun mal seinen Platz.

Das ist aber das kleinste Problem: Denn mit einem Schnürchen an der Bluse lässt sich das Dekolleté ruckzuck in einen gletscherspaltentiefen V-Ausschnitt verwandeln, in dem auch der Hirschhorn-Hänger zur Ruhe kommt. "Dekolleté wollen alle, da darf es ruhig ein bisschen mehr sein", berichtet Kerstin Psondr.

Eine Umkleidekabine weiter macht sich bei einer etwas korpulenteren Dame Ratlosigkeit breit: Dirndl in ihrer Größe sind zwar vorhanden, aber sie kann das Kleid schnüren und binden, wie sie will: an ihr sieht es aus, wie ein kariertes Zirkuszelt. Auch die sie begleitende Tochter ist keine große Ermutigung: "Musst du eben abnehmen", sagt sie. Entnervt hängt ihre Mutter die Zeltbahn wieder zurück.

Glaubt man Karin Psondr dagegen, ist das Dirndl gerade für Frauen das ideale Kleidungsstück, die keine Traumfigur haben. Da das Kleid unter dem Busen zusammengeschnürt werde, kaschiere es unerwünschte Leibesfülle weiter südlich.

Auf jeden Fall sehen Frauen im Dirndl wirklich aus wie Frauen. Wohl auch deshalb entdecken zunehmend auch Teenager das Trachtenstück. "Zu uns kommen sogar 16-Jährige. Das war vor einigen Jahren noch undenkbar", berichtet Helga Opgenoorth vom Kevelaerer Landhausmodengeschäft Biesemann. Die Teenager interessierten sich allerdings für Dirndl-Outfits, mit denen man südlich der Main-Linie allenfalls Naserümpfen ernten würde. "Wir fragen immer, ob es für einen Besuch in Süddeutschland oder für eine Party am Niederrhein gedacht ist", sagt die Verkäuferin. "Der Niederrheiner will vor allem feiern, da darf es dann auch mal eine Netzstrumpfhose oder ein Petticoat drunter sein." So etwas ginge in München gar nicht. Da wird auf Tradition geachtet, und die reich bestickten Modelle stammen oft noch von Mutter oder Großmutter.

Wer sich ein Dirndl kauft, sollte also gut überlegen, wozu er das gute Stück benötigt. Zwar gibt es Baumwoll-Dirndl in Kevelaer bereits ab 99 Euro. Bessere Qualitäten kosten aber schon mehrere Hunderter. "Für Bühnenauftritte können wir auch Designer-Stücke für bis zu 3500 Euro besorgen", sagt Opgenoorth.

Im Homberger Kostümverleih muss man etwa 45 Euro Leihgebühr fürs Dirndl und etwa eben so viel für eine Lederhose rechnen. Für Nadine Dubielzig ist der Preis Nebensache. Nach einer Stunde Anprobieren hat sie sich für ihr Traum-Dirndl entschieden: Rosa, knapp über den Knien endend und mit hirschhorngeeignetem Ausschnitt.

Eine Lederhose nimmt sie auch noch mit. Für den Lebensgefährten. Anprobieren unnötig: "Passt scho."

(RP/ila)